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Artikel

Dem Lebenstrend auf der Spur 

Gesundheitsvorsorge, Einkommen und statistische Entwicklungen

Retirement
N/A

18. April 2019

Die Menschen in Deutschland werden immer älter – gutverdienende Angestellte im Schnitt noch etwas mehr als Menschen mit geringem Einkommen. Die neuen Heubeck-Sterbetafeln versuchen diese sozio-ökonomischen Entwicklungen abzubilden. Perfekt gelingt das nicht. Dennoch bleiben sie ein wertvolles Instrument für die Kalkulation in der bAV.

Zwei Weltkriege, die deutsche Teilung und rund 40 Jahre später die Wiedervereinigung – Gustav Gerneth hat Geschichte persönlich erlebt. Am 15. Oktober 1905 in Stettin geboren, ist der Deutsche seit vergangenem Januar der älteste lebende Mann der Welt, nachdem der Japaner Masazo Nakane im Alter von 113 Jahren verstorben ist. Menschen, die älter als 100 Jahre alt werden, sind längst keine Seltenheit mehr. Fast täglich berichten die Medien über Jubilare, die diese magische Altersgrenze überschreiten.

Dass die Lebenserwartung in Deutschland steigt, ist kein von der Presse aufgebauschtes Phänomen, sondern Realität. Das zeigt ein Vergleich der Heubeck-Richttafeln in den vergangenen 20 Jahren (siehe auch Benefits! Oktober 2018). So wurde ein 65-jähriger Mann 1998 den damals geltenden Richttafeln zufolge im Durchschnitt 81,5 Jahre alt. Zehn Jahre später erreichte der Durchschnittswert 83 Jahre und nach den neuen Heubeck-Richttafeln 2018 G kann ein 65-Jähriger im Jahr 2028 damit rechnen, 86,5 Jahre alt zu werden. Die Lebenserwartung einer 65-jährigen Frau hat sich im gleichen Zeitraum von 86 auf 90 Jahre erhöht.

Dass Menschen in Deutschland immer länger leben, hat viele Gründe. Dazu zählen verbesserte Hygienestandards, ein vergleichsweise hohes Niveau in der Gesundheitsversorgung, effektive Therapien gegen viele schwere Krankheiten und der nachlassende Effekt der Sterblichkeitsverbesserung in der Nachkriegs-Generation.

Pensionskassen, Versorgungswerke und die Träger anderer Betriebsrenteneinrichtungen müssen auf den Alterungstrend reagieren, wollen sie empfindliche Deckungslücken vermeiden. Werden die Menschen immer älter, heißt das: Betriebsrenten sind – ein konstantes Renteneintrittsalter vorausgesetzt – im Mittel entsprechend länger zu zahlen.

Werden die Prämien nicht angepasst, reicht das gebildete Planvermögen wegen der steigenden Lebenserwartung regelmäßig nicht mehr aus, um die gesamte Verpflichtung aus den erteilten Betriebsrentenzusagen zu decken. Die neuen Heubeck-Richttafeln 2018 G sind das notwendige Instrument für eine Revision.

Einfluss des Einkommens auf Lebenserwartung

Erstmals werden darin auch sozio-ökonomische Faktoren berücksichtigt. „Verschiedene Studien haben bestätigt, dass die Lebenserwartung einer Person signifikant von deren Gesamteinkommen und damit verbunden den sozio-ökonomischen Lebensumständen abhängt“, sagt Hanne Borst, Leiterin Actuarial Consulting bei Willis Towers Watson Deutschland. „Bezieher hoher Einkommen weisen demnach eine niedrigere Sterblichkeit und somit eine längere Lebenserwartung auf als Personen mit einem geringen Gesamteinkommen.“ Nach Daten der Deutschen Rentenversicherung differierte die mittlere Lebenserwartung eines 65-jährigen männlichen Altersrentners im Jahr 2006 je nach Einkommensniveau zwischen 15 und 19 Jahren.

Aus Sicht der Träger von Versorgungseinrichtungen ist es gut, dass Heubeck diesen sozio-ökonomische Aspekt bei der Anpassung der Richttafeln aufgegriffen und integriert hat“ so Borst. „Denn man muss im Ergebnis auch die jeweilige Betriebsrentenverpflichtung sehen, die dahinter steht. Wurde früher die durchschnittliche Lebenserwartung nach Zahl der Köpfe in einem Unternehmen gewichtet, so wird nunmehr ein Rentenhöhe-gewichteter Durchschnitt ermittelt.

„In den neuen Richttafeln wird unterstellt, dass sich die Belegschaft gleichermaßen aus Personen mit geringer und hoher Einkommensstruktur zusammensetzt. Je nach Personalstruktur des jeweiligen Unternehmens ist dieser Ansatz mehr oder weniger passgenau“, erläutert Expertin Borst. „Für Firmen, die einen hohen Anteil an Personen mit geringem Gesamteinkommen im Personalbestand haben oder bei denen überdurchschnittlich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit hohem Einkommen arbeiten, könnte es unter Umständen sinnvoll sein, individuelle Kalkulationen vorzunehmen.“

Abschwächung des Trends?

Solche Überlegungen bekommen zusätzliches Gewicht vor dem Hintergrund, dass sich der Trend zu einer höheren Lebenserwartung in den kommenden Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit, wenn auch mitunter verlangsamt, fortsetzen wird. Fraglich indes ist, ob er über alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen fortzuschreiben ist. In einzelnen Industrieländern wie zum Beispiel den USA ist zudem seit einigen Jahren in einigen Altersbereichen eine Reduktion der Lebenserwartung auch von vermeintlich gut verdienenden Bevölkerungsgruppen zu beobachten.

In Großbritannien wird der Anstieg der Sterblichkeit mit Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen in Verbindung gebracht. Dazu steigt ganz allgemein die Zahl der Zivilisationskrankheiten etwa in Folge mangelnder Bewegung. So verzeichnen Mediziner in Deutschland nicht nur eine stetige Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Nach einem starken Rückgang von Todesfällen um fast die Hälfte seit 1990 steigt nach Zahlen, die auf dem Kardiologen- Kongress im vergangenen Jahr vorgelegt wurden, seit 2015 die Mortalität wieder leicht an.

„Allerdings ist der Beobachtungszeitraum, in dem es zu diesem Rückgang der Lebenserwartung gekommen ist, vergleichsweise kurz“, so Borst. „Das darf man nicht überbewerten. Die Zahlen für Großbritannien belegen ja auch, dass es dort nur zu einer Abschwächung des Trends gekommen ist und sich das Niveau stabilisiert hat. Daraus eine Trendwende abzulesen, halte ich für verfrüht.“

Fazit

Sterbetafeln sind unentbehrliches Werkzeug für Aktuare, die Prämien und Planvermögen in der bAV so realistisch wie möglich zu kalkulieren, um Zahlungsströme planbar zu machen. „Das, was ein Unternehmen oder eine Versorgungseinrichtung für seine Betriebsrenten zahlt, wird dadurch nicht beeinflusst – egal, welche Sterbetafeln verwendet werden“, sagt Expertin Borst. „Am Ende geht es um die Frage: Finanziert man die Rente vorweg oder lässt man sich später von den höheren Kosten sozusagen überraschen.“

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