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Die neue Arbeitswelt braucht individuelle Lösungen

15. Juni 2018
| Deutschland

Die Digitalisierung prägt die Arbeitswelt der Zukunft. Unterhalten haben wir uns darüber mit Frank Hoyck, Leiter des Bereichs „Talent & Rewards“ Willis Towers Watson Deutschland.

Q — Herr Hoyck, wie wir in Zukunft arbeiten, wird maßgeblich durch die Digitalisierung bestimmt. Worum geht es überhaupt?

A — Frank Hoyck: Es geht vor allem um die Automatisierung von hochvolumigen, wenig komplexen Routine-Prozessen und um Systeme, die durch sogenannte künstliche Intelligenz komplexe Aufgaben übernehmen können.

Q — Verschwinden dadurch nicht viele Arbeitsplätze?

A — Frank Hoyck: Unter dem Strich wohl nicht. Im Produktionsbereich des Maschinenbaus, des Fahrzeugbaus sowie der chemischen Industrie beispielsweise werden zwar Stellen sowie einfache administrative Arbeiten entfallen. Es wird jedoch auch eine Menge neuer Arbeitsplätze entstehen, vor allem rund um die Informations- und Kommunikationstechnik. Generell werden solche Jobs erhalten bleiben oder geschaffen werden, bei denen es auf Kreativität und Intuition und das persönliche Miteinander ankommt – und viele der neuen Jobs kennen wir heute noch gar nicht. 

Q — Wir reden also nicht nur von Effizienz?

A — Frank Hoyck: Die Digitalisierung erlaubt uns, komplexe Jobs in einzelne Aufgaben zu zerlegen, von denen sich einige digitalisiert durchführen lassen. Auf die verbleibenden hochwertigen Aufgaben können sich dann die Mitarbeiter künftig konzentrieren. Dank digitaler Kommunikation und Interaktion werden diese Aufgaben zudem mehr und mehr in flexiblen Netzen erbracht, auch unabhängig vom Arbeitsort und der Arbeitszeit in vielfältigen Arbeitsmodellen. Externe Mitarbeiter werden dabei eine immer größere Rolle spielen.

Q — Hochqualifizierte Mitarbeiter, die sich flexibel engagieren, gewinnen also an Bedeutung. Was bedeutet das für die Personalarbeit?

A — Frank Hoyck: Gefragt ist zum Beispiel ein vorausschauendes Talent Management, das vom Recruiting über die Entwicklung bis zur Gestaltung von Karrieren auch Skills im Blick hat, die für die Transformation von Unternehmen entscheidend sind. Denken wir nur an Automobilunternehmen, die in Richtung Elektromobilität unterwegs sind. Hier konkurrieren die Konzerne auch mit Hightech-Unternehmen um kompetente Mitarbeiter; diesen müssen auch sie ein markantes attraktives Leistungsverprechen geben. 

Q — Bedeuten Transformation und eine neue unternehmerische Dynamik auch, dass die Mitarbeiter neu geführt werden müssen?

A — Frank Hoyck: Dies betrifft auf jeden Fall die Frage, wie die Performance der Mitarbeiter gemanagt wird. Ziele, die Führungskräfte und Mitarbeiter einmal im Jahr festlegen, sind in dynamischen Zeiten schnell obsolet. Angemessener sind in vielen Bereichen auch unterjährig wechselnde Ziele, die nicht top-down und fern der täglichen Herausforderungen heruntergebrochen werden, sondern im Rahmen allgemeiner Wirkungsbereiche von Mitarbeitern und Führungskräften definiert und bottom-up zusammengeführt werden. Führungskräfte setzen zukünftig den Rahmen, üben eine Coaching-Rolle aus und treten noch stärker in den Dialog mit den Mitarbeitern.

Q — Die Mitarbeiter werden also mehr mitreden?

A — Frank Hoyck: In der digitalen und vernetzten Arbeitswelt geht es kaum anders. Das gilt auch für die Bewertung der Performance. Teamarbeit wird stärker gefragt sein und wer in einem Netz arbeitet, sollte auch von anderen Akteuren in diesem Netz bewertet werden. Mit IT-Tools kann Feedback aus unterschiedlichen Quellen eingeholt werden. Dabei spielt zunehmend nicht mehr das eine isolierte Bewertungsergebnis eine Rolle, sondern ein umfassendes Profil, zu dem neben der gezeigten Leistung auch das künftig erforderliche Potenzial in unterschiedlichen Kategorien gehören kann.

Q — Was bedeutet das für die Vergütung?

A — Frank Hoyck: Die Digitalisierung führt zu einer konstruktiven Komplexität und Dynamik, eben zum Beispiel zu dem
vernetzten flexiblen Arbeiten. Wer wann welchen Beitrag zum gemeinsamen Erfolg geleistet hat, kann hier nicht mehr genau ermittelt und vergütet werden. Einige Unternehmen ersetzen auch deshalb ind viduelle durch kollektive Boni. Die Steuerungs- und Differenzierungswirkung der Vergütung kann in diesem Fall über ein flexibleres Grundgehaltsmanagement oder Spot Boni gesichert werden.

Q — Was raten Sie Unternehmen alles in allem?

A — Frank Hoyck: Sie sollten sich überlegen, wie sie mit Hilfe der Digitalisierung ihre Wertschöpfung neu gestalten können. Was können wir automatisieren? Für welche Aufgaben brauchen wir wie viele Mitarbeiter mit welchen Skills? Welche Arbeitsmodelle bieten sich an? Und wie lässt sich die Produktivität unserer Mitarbeiter so stärken und steuern, dass sie eine dynamische Business-Agenda umsetzen können? Fragen wie diese muss jedes Unternehmen für sich beantworten. Die neue Arbeitswelt braucht individuelle Lösungen und HR muss sich neu organisieren und neue Verantwortunug übernehmen.