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DAX-Pensionswerke: Anpassungen üblich und sinnvoll – nur Gesetzgeber schert aus

7. August 2018
| Deutschland

FRANKFURT AM MAIN, 7. August 2018 – Veränderungen im Zins- und Inflationsumfeld führen dazu, dass der Umfang der Pensionsverpflichtungen der DAX-Unternehmen im ersten Halbjahr um 1,0 Prozent leicht gestiegen ist, während die Pensionsvermögen um 0,3 Prozent sanken. In der Folge gab der Ausfinanzierungsgrad (das Verhältnis von Pensionsvermögen zu Pensionsverpflichtungen) leicht nach; er liegt nun bei 66,6 Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt die Modellberechnung „German Pension Finance Watch“ von Willis Towers Watson. Nachdem die Lebenserwartung in Deutschland weiter steigt, wurden jüngst die Sterbetafeln aktualisiert, die eine der Grundlagen für die Berechnung der Höhe der Pensionsverpflichtungen sind. Auf dieser Basis werden viele Unternehmen ihre Pensionsverpflichtungen neu berechnen; sie werden voraussichtlich um 1,5 bis 2,5 Prozent steigen. Lediglich der Gesetzgeber versperrt sich der für Pensionswerke üblichen „Wartung“ der Berechnungsgrundlagen. Er hält unverändert an einem überhöhten steuerlichen Rechnungszins fest, dessen Verfassungskonformität derzeit geprüft wird.

Dass sich der Ausfinanzierungsgrad entlang der Parameter Rechnungszins, Inflationserwartung und Performance der Kapitalanlagen bewegt, ist völlig normal“, erklärt Dr. Heinke Conrads, die bei Willis Towers Watson das Beratungsgebiet „betriebliche Altersversorgung“ (bAV) in Deutschland und Österreich verantwortet. Die bAV-Expertin führt weiter aus: „Die Lebenserwartung, die bei der Berechnung des Verpflichtungsumfangs zugrunde gelegt wird, wird ebenfalls regelmäßig überprüft. Eine solche ‚Wartung‘ ist für alle Berechnungsgrundlagen notwendig und sinnvoll. Sie führt im Ergebnis dazu, dass Pensionsverpflichtungen realistisch berechnet und solide finanziert werden können – das ist gut für Unternehmen, Mitarbeiter und Betriebsrentner.“ Lediglich an einem Punkt verharrten die Pensionswerke in einem erzwungenen Stillstand: „Der Rechnungszins, den Unternehmen beim Ansatz ihrer Pensionsverpflichtungen in der Steuerbilanz heranziehen müssen, liegt seit 37 Jahren bei sechs Prozent und damit schon lange fern von der Realität an den Kapitalmärkten. Hier ist der Gesetzgeber dringend gefragt, seinen ‚Wartungsarbeiten‘ ebenfalls nachzukommen.

Moderate Schwankungen im Marktumfeld beeinflussen Pensionswerke

Im Einzelnen stiegen die Pensionsverpflichtungen der DAX-Konzerne laut der Modellberechnung von Willis Towers Watson im ersten Halbjahr um ein Prozent auf 385,9 Mrd. Euro. Gleichzeitig sanken die spezifisch für die Pensionen vorgehaltenen Planvermögen vor allem aufgrund der niedrigen Performance der europäischen Aktienmärkte sowie aufgrund von Währungseffekten um 0,3 Prozent auf 257,1 Mrd. Euro. Im MDAX stieg der Verpflichtungsumfang geringfügig stärker um 1,2 Prozent auf 81,9 Mrd. Euro, während die Pensionsvermögen minimal zulegten (um 0,1 Prozent auf 46,0 Mrd. Euro). Diese Veränderungen reflektieren neben einer weiteren leichten Verringerung des Rechnungszinses um drei Basispunkte u.a. auch einen leichten Anstieg der Inflationserwartung um acht Basispunkte. „Die Inflation spielt insbesondere für die jährliche Anpassung der Betriebsrenten eine Rolle. Daher ist sie bei der Berechnung der Pensionsverpflichtungen einzubeziehen“, erläutert Aktuarin Hanne Borst, die bei Willis Towers Watson die versicherungsmathematische Beratung im bAV-Bereich leitet.

Steigende Lebenserwartung = steigende Pensionsverpflichtungen

Die Kosten für die betriebliche Altersversorgung hängen auch von der Lebenserwartung der Mitarbeiter und Betriebsrentner ab. Da die Menschen im Durchschnitt immer älter werden, sind auch Betriebsrenten länger zu zahlen und Unternehmen müssen entsprechend mehr Geld dafür bereitstellen. Für die Berechnung der notwendigen Summen wird meist auf die so genannten Heubeck-Sterbetafeln zurückgegriffen. Diese Tafeln wurden im Juli auf den aktuellen Stand gebracht. Da die Lebenserwartung gegenüber der vorherigen Ausgabe der Tafeln aus 2005 weiter gestiegen ist, werden die Pensionsverpflichtungen bei der Berücksichtigung der neuen Sterbetafeln ebenfalls steigen. Der Herausgeber der Heubeck-Tafeln erwartet einen Anstieg der in der internationalen Bilanz anzugebenden Werte um 1,5 bis 2,5 Prozent. „Der Effekt auf die Pensionsverpflichtungen für ein einzelnes Unternehmen hängt von verschiedenen Faktoren ab und kann nur durch spezifische Berechnungen exakt ermittelt werden“ so Aktuarin Borst.

Steuerlicher Zins verharrt fern der Kapitalmarktrealität

Da Pensionswerke von ihrem wirtschaftlichen Umfeld – vor allem der Entwicklung an den Kapitalmärkten und der Veränderung der Lebenserwartung – beeinflusst werden, müssen die Parameter, die für die Berechnung von Vermögen und Verpflichtungsumfang zugrunde gelegt werden, regelmäßig überprüft und aktualisiert werden. „Auf diese Weise lassen sich Pensionswerke mit der gebotenen Sorgfalt steuern. Unternehmen können damit die Finanzierung ihrer Betriebsrenten gut planen. Das kommt auch den Mitarbeitern zugute, die sich auf ihre Altersversorgung verlassen können“, sagt Conrads von Willis Towers Watson. 

Allerdings ist für die Steuerbilanz seit 37 Jahren ein Zinssatz von sechs Prozent vorgeschrieben. „Dieser Zins ist schon lange nicht mehr marktkonform“, kritisiert Conrads. „Jedoch verweigert sich der Gesetzgeber einer längst überfälligen und von vielen Seiten geforderten Anpassung. Auch eine Klage beim Bundesverfassungsgericht hierzu hängt an“, berichtet die bAV-Expertin. Die Anpassung des Rechnungszinses nach unten würde zu einem Anstieg der steuerlichen Pensionsrückstellungen führen und damit die Unternehmen steuerlich entlasten. Conrads sagt: „Es wäre sehr zu begrüßen, wenn die Politik diesen Schritt endlich geht.“ Das Institut der Wirtschaft in Köln schätzt, dass sich die Mehrbelastung der deutschen Unternehmen durch den überhöhten steuerlichen Rechnungszins allein für den Zeitraum 2008 bis 2014 auf 20 bis 25 Mrd. Euro summiert.

Datengrundlage

Die Modellberechnung „German Pension Finance Watch“ (GPFW) stellt die Auswirkungen der Kapitalmarktentwicklungen auf deutsche Benchmark-Pensionspläne dar. Verglichen wird ein Musterplan, der Ende 2003 vollständig ausfinanziert war (100-Prozent-Plan) und laufend in Höhe der neu erdienten Ansprüche dotiert wird, mit einem für ein DAX- beziehungsweise MDAX-Unternehmen typischen Pensionsplan. Analysiert werden die aktuellen Entwicklungen auf der Verpflichtungsseite sowie die Erträge der für Pensionsverpflichtungen reservierten Kapitalanlagen. Die Untersuchung ergänzt die von Willis Towers Watson herausgegebenen Studien zu US-amerikanischen und weltweiten Benchmark-Pensionsplänen sowie zu den Schweizer Pensionsplänen, die quartalsweise erscheinen. 

Glossar

Pensionsverpflichtungen: Die Pensionsverpflichtungen umfassen den Wert der Leistungen, insbesondere Rentenzahlungen, die Unternehmen an ihre aktuellen und künftigen Betriebsrentner zu leisten haben. In den Bilanzen werden die künftigen Zahlungen mit dem Wert erfasst, den das Unternehmen heute zahlen müsste (Barwert), wenn es die von den begünstigten Mitarbeitern bereits erdiente Verpflichtung sofort vollständig begleichen wollte.

Der heutige Gegenwert der Verpflichtung (Barwert) wächst durch weitere erdiente Komponenten sowie durch Zins und Zinseszins bis zum Auszahlungsdatum auf die Höhe des versprochenen Auszahlungswerts an. Dabei orientiert sich der in der internationalen Bilanzierung anzusetzende Zinssatz an der Umlaufrendite von Anleihen guter Bonität (Rechnungszins).

Auml;ndert sich diese Umlaufrendite, ändert sich auch der für die Berechnung des Barwerts zugrunde zu legende Zinssatz. In der Folge ändert sich auch der in der Bilanz anzusetzende heutige Gegenwert der Pensionsverpflichtungen – er steigt, wenn der Rechnungszins sinkt bzw. er sinkt, wenn der Rechnungszins steigt.

Der Betrag der für die Zukunft zugesagten Rentenzahlung ändert sich dadurch nicht.

Rechenbeispiel: Ein Unternehmen sagt einem heute 55-jährigen Mitarbeiter zu, ihm bei Rentenbeginn mit 65 Jahren einmalig ein Kapital in Höhe von 10.000 Euro auszuzahlen. Bei einem Rechnungszins von 3,5 Prozent müsste es heute hierfür (unter der Annahme, dass die Leistung mit Sicherheit nach zehn Jahren abgerufen wird) eine Zahlungsverpflichtung in Höhe von 7.089 Euro in seiner Bilanz ansetzen. Beträgt der Rechnungszins hingegen nur niedrigere 2 Prozent, müsste es einen deutlich höheren Verpflichtungsumfang (8.203 Euro) – immerhin 16 Prozent mehr angeben. Trotz der unterschiedlichen Verpflichtungsangaben in der Bilanz lautet das künftige Zahlungsversprechen weiterhin auf 10.000 Euro.

Zusätzlich fließen – je nachdem, ob das Unternehmen seinen Mitarbeitern beispielsweise eine lebenslange Rente oder eine einmalige Kapitalzahlung im Ruhestand versprochen hat – weitere Faktoren, wie etwa die statistische Lebenserwartung oder die Inflation, in die Berechnung ein.

Pensionsspezifische Vermögenswerte / Planvermögen: Als so genanntes Planvermögen gelten die Vermögenswerte, die explizit für die Zahlung der Pensionsverpflichtungen reserviert und insolvenzgeschützt vom Vermögen des Unternehmens getrennt sind (Anforderungen nach dem Rechnungslegungsstandard IAS 19). Vermögenswerte, die allein durch die Bildung von Pensionsrückstellungen im Unternehmen gebunden wurden, zählen nach diesen strengen Vorschriften nicht als Planvermögen.

Ausfinanzierungsgrad (Deckungsgrad): Der Ausfinanzierungsgrad ist der Quotient aus Planvermögen und Pensionsverpflichtungen. Verändern sich diese Werte in gegenläufiger Richtung, beeinflusst dies den Ausfinanzierungsgrad. In der Langzeitbetrachtung zeigt sich, dass der Ausfinanzierungsgrad im Jahresvergleich meist geringfügig schwankt. Jedoch haben Unternehmen in der vergangenen Dekade die speziell für die Zahlung künftiger Betriebsrenten reservierten Vermögenswerte stetig ausgebaut – ein Trend, der nach Einschätzung von Willis Towers Watson weiter anhalten wird.