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„Derzeit gibt es keine Datenbasis, die spezifisch auf die bAV zugeschnitten ist“

Möglichkeiten und Grenzen von Sterbetafeln

18. April 2019
| Deutschland

Wie werden Sterbetafeln weiterentwickelt? Und warum erlaubt der Einsatz von Technologie nicht unmittelbar eine genauere Kalkulation? Hanne Borst, Leiterin Actuarial Consulting bei Willis Towers Watson Deutschland, erklärt die Zusammenhänge.

Frau Borst, die Menschen in Deutschland werden immer älter. Werden wir alle bald 100 Jahre alt?

Borst: Das wohl leider nicht. Die individuelle Lebenserwartung hängt von vielen Faktoren ab. Das heißt, einige Menschen werden älter, andere wiederum sterben früher. Ob sich der Trend zu einer immer höheren Lebenserwartung unvermindert fortsetzt, ist zudem zu diskutieren. Bei dafür entscheidenden Faktoren wie Hygiene oder Therapien gegen unmittelbar lebensbedrohende Krankheiten ist seit einigen Jahren kein wesentlicher Fortschritt mehr zu beobachten. Gut möglich, dass sich der Langlebigkeitstrend verringern wird. Vielleicht gibt es auch eine biologische Grenze, die der Mensch trotz aller medizinischen Fortschritte nicht überschreiten kann. Das ist letztlich jedoch Spekulation.

In vielen Industrieländern verläuft der Anstieg der Lebenserwartung für die einzelnen Bevölkerungsgruppen unterschiedlich. Mitunter nimmt sie sogar ab. Ist das retrospektiv orientierte Konzept der Sterbetafeln noch zeitgemäß?

Borst: Die Frage möchte ich mit einer Gegenfrage beantworten: Auf welches Modell setze ich? Letztlich geht es darum, sich Todesursachen und Sterblichkeitsdaten anzuschauen und daraus Annahmen für die Zukunft zu modellieren. Dass Heubeck seine Sterbetafel mit sozio-ökonomischen Parametern ergänzt, ist ein guter Ansatz. Aber sie bleiben Einheitslösungen, die gut passen für Unternehmen mit einer in puncto Einkommen ausgeglichenen Belegschaft.

Und wenn das nicht der Fall ist – etwa bei Unternehmen, die sehr viele hochqualifizierte Arbeitskräfte beschäftigen?

Borst: Bei größeren Personalbeständen ist die Entwicklung von firmenindividuellen Sterbetafeln sinnvoll. Besonderheiten des Unternehmens und der Branche können so besser abgebildet werden. Für die Unternehmen bilden sie die tatsächliche Verpflichtung ab und schaffen dadurch Planungssicherheit in den Cashflows.

Warum setzt man für die Prognose nicht stärker auf Künstliche Intelligenz und Big Data?

Borst: Die Frage geht am eigentlichen Problem vorbei. Moderne Technologien sind nur so gut, wie die Datenbasis, die dafür zur Verfügung steht. Die Sterbetafeln basieren auf den Daten der gesetzlichen Rentenversicherung. Die Personen, die dort versichert sind, sind nicht deckungsgleich mit denen, die eine Betriebsrente bekommen. Die Bundesregierung hat beispielsweise in ihrem Alterssicherungsbericht 2016 festgestellt, dass der Verbreitungsgrad der betrieblichen Altersversorgung unter den Beziehern niedriger Einkommen wesentlich geringer ist als unter denen mit hohen Einkommen ist. Die Frage ist: Wie kommt man zu einem Datenmaterial, das spezifisch auf die bAV zugeschnitten ist? Dazu braucht man eine Initiative, welche die vorhandenen Datenbestände sammelt und daraus eine spezifische Basis konzipiert. Das könnte zum Beispiel die Aktuarvereinigung anstoßen.

Hanne Borst verantwortet bei Willis Towers Watson in Deutschland den Bereich Actuarial Consulting. Sie ist leitende Aktuarin verschiedener nationaler und internationaler Unternehmen. Ihre Themenschwerpunkte sind die Bewertung und Rechnungslegung von Versorgungsverpflichtungen, die Begleitung von Unternehmenstransaktionen sowie die Optimierung von Prozessen für aktuarielle Dienstleistungen.