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IFRS 17 – erneute Sackgasse oder nur Kopfsteinpflaster?

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Von Dr. Thorsten Wagner | 4. Oktober 2018

Nach über 20 Jahren zähen Ringens gibt es seit Mai 2017 einen IFRS-Standard, versehen mit der Nummer 17, zu Versicherungsverträgen. Natürlich prinzipienbasiert, wie es sich für einen ordentlichen IFRS-Standard gehört.

Schaut man sich jedoch die bisherige Rückmeldung aus dem CFO Forum und von der European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) an, dann (sagen wir: spätestens dann) treten doch einige handwerkliche „Unebenheiten“ zutage, zum Beispiel:

  • Die Anforderung an die Gruppierung (Anforderung zur Bildung von Jahreskohorten, in der Regel Bewertung von Zusatzversicherungen zusammen mit dem Hauptvertrag)
  • Die Asymmetrie bei der Bewertung der zedierten Rückversicherung (CSM bei verlustträchtigem Geschäft, unterschiedliche Contract Boundaries etc.)
  • Oder die unnötige technische Komplexität in den Offenlegungspflichten (positive Rückstellung passiv, negative Rückstellung aktiv ausweisen, Abkehr vom Sollstellungsprinzip).

Diese Stolperfallen sind ärgerlich und können nicht nur darin begründet liegen, dass bei IFRS 17 auf ein Re-Exposure-Draft verzichtet wurde. Es hat lange – über ein Jahr – gedauert, bis die Ungereimtheiten nun prominent zur Sprache kommen; dennoch ist es noch nicht „zu spät“: Änderungen in diesen Punkten sind ohne Gesichtsverlust möglich, ebenso eine zeitliche Verschiebung der Erstanwendung von IFRS 17 von bis zu zwei Jahren.

So weit, so gut – eine Sackgasse ist IFRS 17 deswegen noch lange nicht. Nur hakt es an wesentlichen Stellen, wie auch CFO Forum und EFRAG in Grundzügen festgestellt haben.

Dazu muss man in den Bereich der Lebensversicherung (beziehungsweise in Deutschland auch der Krankenversicherung nach Art der Lebensversicherung) gehen. Für dieses Geschäft ist in IFRS 17 der „Variable Fee Approach“ vorgesehen, der viele gute Ideen verarbeitet hat – dank guter Lobby-Arbeit. So ist die „Contractual Service Margin“ (CSM), die letztendlich eine Gewinnmarge darstellt, auch ein Puffer für Bewertungs-Schwankungen – und zwar nicht nur rein aus der Versicherungstechnik (hervorgerufen etwa durch Aktualisierungen von Rechnungsgrundlagen, Modellverbesserungen etc.), sondern auch für kapitalmarktinduzierte Schwankungen aus einem Asset-Liability-Mismatch heraus. Das bedeutet – etwas vereinfacht –, dass für deutsches überschussberechtigtes Geschäft das Finanzergebnis aus Kapitalanlagen und Versicherungsverpflichtungen im Saldo immer neutral ausfällt, solange Schwankungen über die CSM abgefedert werden können. Andersherum kommt die in der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) auszuweisende Profitabilität weitestgehend aus der Amortisation der CSM.

Was bedeutet das? Natürlich erstmal, dass dieser CSM und natürlich auch der Art ihrer Amortisation ein immenses Gewicht beizumessen ist, wenn man Bilanz- und GuV-Steuerung betreiben möchte. Dazu gleich mehr.

Die weitgehende Pufferwirkung der CSM mit Amortisation über die Laufzeit von Verträgen erschwert aber auch die Interpretation von GuV-Ergebnissen: Entweder erklärt eine Gesellschaft das Ergebnis nur auf Basis der CSM zu Beginn einer Geschäftsperiode (und zieht Anpassungen sowie Amortisation der CSM mit in seine Erklärung ein), oder aber sie möchte wissen, wieso die CSM am Anfang einer Berichtsperiode überhaupt so hoch (oder niedrig) ist, wie sie eben ist. In diesem Fall muss sie letztendlich rekursiv über Jahre hinweg die vergangenen Puffer- und Amortisationseffekte sammeln und aggregiert deuten. Schwierig – auch in der Außenkommunikation.

Zurück zur Bedeutung der CSM und dem Tempo ihrer Amortisation: Hier „kneift“ es gewaltig – und folgende Zwickmühle ist schuld daran:

Einerseits hat das International Accounting Standards Board (IASB) den IFRS 17 gerade in jenen Punkten, die die Höhe der CSM bestimmen, sehr „prinzipienorientiert“ formuliert – böse Zungen sagen: Da kann man „alles und nichts“ hineininterpretieren. Tatsächlich sind die entscheidenden Begriffe alles andere als eindeutig definiert, sprich: sie sind alle sehr auslegungsbedürftig, etwa der „modified retrospective“ Ansatz bei Transition, das Gebot zur Berücksichtigung der „Mutualisierung“ von Verlusten oder auch die Definition der „Coverage Units“ als maßgebliche Größe für den Amortisationsverlauf der CSM.

Andererseits müssen Wirtschaftsprüfer nun bald auch IFRS 17 Bewertungen testieren – und diese Zunft favorisiert bis dato eher feste Regeln und Einheitlichkeit als uneinheitlich ausgelegte „Prinzipien“. Wie also sollen Wirtschaftsprüfer über die Einhaltung auslegungsbedürftiger Prinzipien wachen? Zumal diese ja doch eigentlich eine bessere Vergleichbarkeit schaffen sollten?

Der Austausch ist ein Anfang

Dieses Dilemma wird nur dann zu einer Sackgasse führen, wenn es keinen konstruktiven, nach pragmatischen Lösungen suchenden Dialog gibt. Dieser hat nun zum Glück begonnen – auch wenn er teilweise noch sehr holprig ist. Allerdings dauert das Vorankommen auf einer Kopfsteinpflasterstraße auch deutlich länger als auf der Autobahn – insofern wird die Methoden-Auslegung noch eine nicht zu unterschätzende Aufgabe werden. Von Fast Close, Planungsprozessen und IT-Umsetzungen gar nicht zu reden …

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