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Von separaten Mitarbeiterbefragungen zur Listening Strategy

4. Dezember 2017
| Deutschland

Unternehmen können ihre Mitarbeiter auf vielfältige Weise befragen. Doch erst mit einer systematischen Listening Strategy können sie richtig zuhören und mehr bewegen.

Q — Unternehmen wollen schnell und flexibel nach vorn gehen. Doch die meisten befragen ihre Mitarbeiter alle zwei Jahre im Rahmen einer Vollbefragung. Passt das zusammen?

A — Kerstin Lange: Das Bild ist ja schon differenzierter. Neben den Vollbefragungen etablieren sich zunehmend Pulsbefragungen, Eintritts- und Austrittsbefragungen, Bewerber- Assessments und andere Formate. Unternehmen bietet sich hier eine wachsende Vielfalt.

Q — Warum dieser ganze Aufwand?

A — Dr. Roland Abel: Befragungen sind Management-Instrumente mit einem hohen wirtschaftlichen Nutzen. Denn mit Befragungen können Unternehmen die Themen identifizieren, in die sie investieren müssen, um für eine leistungsstarke und engagierte Mannschaft zu sorgen. Und die Leistung und das Engagement der Mitarbeiter wirken sich auf die Unternehmensperformance aus.

Q — Sind die Unternehmen also auf dem richtigen Weg?

A — Lange: Einerseits ist es gut, dass sie mehrere Befragungsformate verwenden. Sie können sich damit ein differenziertes und detailliertes Bild ihrer Belegschaft machen. Andererseits laufen sie Gefahr, so viele Daten zu generieren, dass sie diese nicht mehr interpretieren und für ihre Personalarbeit nutzen können. Und wenn Mitarbeiter ständig an Befragungen teilnehmen müssen, verlieren sie die Lust daran und interessieren sich auch nicht mehr für die Ergebnisse.

Q — Also doch besser auf das eine oder andere Format verzichten?

A — Abel: Doch auf welches? Und wer entscheidet darüber? Insgesamt brauchen Unternehmen eine klar definierte, gut kommunizierte und von allen Seiten akzeptierte Listening Strategy. Ausgangspunkt sind die Unternehmensstrategie, die Business- Agenda und entsprechende personalwirtschaftliche Anforderungen. Mit Blick auf diese Basics können Unternehmen überlegen, welche Themen für welche Mitarbeitersegmente relevant sind, welche Befragungsziele sie jeweils erreichen wollen und mit welchen Formaten dies am besten geschieht.

A — Lange: So können Unternehmen die entscheidenden Daten erheben, ihre Befragungen nach Priorität sortieren, die Befragungen inhaltlich und zeitlich aufeinander abstimmen und auch die jeweiligen Konsequenzen bzw. Folgeprozesse in einer Gesamtbetrachtung gemeinsam ausrichten. Eine Listening Strategy macht aus einer unkontrollierten Datenflut übersichtlich kanalisierte Datenströme, die auch wirklich genutzt werden können.

Q — Ist das nicht etwas komplex?

A — Abel: Ohne Komplexität geht es nicht. In größeren Unternehmen reden wir im Befragungskontext von mehreren tausend Mitarbeitern, unterschiedlichen Mitarbeitersegmenten, vielfältigen Themen und HR-Management-Herausforderungen. Doch bedeutet die größere Befragungsvielfalt nicht automatisch einen Zuwachs an Arbeit oder Konfusionen? Im Gegenteil: Ein klarer Fokus, schlanke Formate und abgestimmtes Befragen schaffen Mehrwert.

A — Lange: Nehmen wir zum Beispiel die Vollbefragungen: Sie können gezielt um Themen entlastet werden, welche die Business Units besser mit eigenen Pulsbefragungen adressieren können. Gerade durch ihre klaren Leitlinien bietet eine Listening Strategy den Freiraum für Flexibilität und Tempo. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Digitalisierung.

Q — Inwiefern?

A — Lange: Unternehmen können die gesamte Listening Strategy mit digitalen Lösungen flankieren. Dazu gehören Online-Fragebogen, digitale Analyse-Tools und interaktive Ergebnisberichte oder die Möglichkeit, individuelle Kommentare softwarebasiert auszuwerten. Lösungen wie diese machen den gesamten Befragungsprozess deutlich weniger komplex. Auch die anschließenden Folgeprozesse können digital gemanagt werden.

Q — Worauf kommt es vor allem an?

A — Abel: Vor allem sollten sich die Unternehmen klarmachen, dass ihnen Mitarbeiterbefragungen wesentliche Impulse geben können, um ihre Attraktivität als Arbeitgeber zu steigern und um ihre Personalarbeit an ihren strategischen Linien und Business-Zielen auszurichten. Dann sollten sie eine Listening Strategy entwickeln und den Befragungsergebnissen auch immer Taten folgen lassen. Und es ist wichtig, von der Befragung zum Dialog bzw. zur Interaktion zu kommen – fragen, zuhören, berichten und einbinden gehören zusammen.