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Zinsfestlegung in der Corona-Krise

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Von Jürgen Fodor | 8. Dezember 2020

Die Coronakrise beeinflusste den internationalen Rechnungszins deutlich. Mit adäquaten Zinsmodellen wurde dieser Härtetest gemeistert.

Geldpolitische Rahmenbedingungen: Zinswende auf unbestimmte Zeit verschoben

Das Zinsjahr 2019 ließ sich aus geldpolitischer Sicht für die Eurozone am besten durch das Verschieben der Zinswende auf unbestimmte Zeit durch die Europäische Zentralbank (EZB) charakterisieren. Diese Tendenz hat sich durch die Coronakrise und die zu ihrer Bewältigung ergriffenen Maßnahmen weiter verfestigt. Zu diesen Stabilisierungsmaßnahmen gehören die auf Billionenhöhe aufgestockten Anleihenkaufprogramme wie z.B. Asset Purchase Programme (APP) und Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) mit deren bekannten renditeverzerrenden Nebenwirkungen.

Auch in den USA wurde bereits im Vorjahr der geldpolitische Normalisierungsprozess aus insgesamt neun Leitzinserhöhungen seit Dezember 2015 überraschend beendet. Nach den drei Zinssenkungen des Jahres 2019 reduzierte die amerikanische Notenbank FED die US-Leitzinsen im März 2020 in zwei Schritten weiter um insgesamt 150 Basispunkte auf zuletzt nur noch 0,0 bis 0,25 Prozent. Zudem erklärten die US-Währungshüter im Juni 2020 angesichts der tiefen Rezession in den USA bis mindestens Ende 2022 die Zinsen nahe null halten zu wollen. Gemäß der im September veröffentlichten Projektionen sehen die meisten Board Member der FED zwischenzeitlich sogar bis Ende 2023 keinen Raum für eine Anhebung der US-Leitzinsen. Insofern dürfte die Niedrigzinsphase auch in den USA noch einige Jahre andauern.

Zinsentwicklung 2020: nach Schwankungen seitwärts

Die Entwicklung der Renditen von hochwertigen Unternehmensanleihen in der Eurozone und damit des internationalen Rechnungszinses konnte auch im Jahr 2020 dem durch die Geldpolitik der großen Notenbanken vorgegebenen Rahmen nicht entkommen. Infolge der Coronakrise wurde dieses Korsett sogar noch enger geschnürt. Eine Beibehaltung des gegenwärtigen Zinstiefs für die nächsten Jahre erscheint somit auch in Anbetracht der durch die diversen Hilfsmaßnahmen dramatisch gestiegenen Staatsverschuldungen gesetzt bzw. unvermeidbar.

Nachdem die Rechnungszinsen im Januar und Februar 2020 gesunken waren, kam es in der zweiten Märzhälfte parallel zum krisenbedingten Einbruch der weltweiten Kapitalmärkte zunächst zu einem Zinsanstieg. Je nach verwendetem Zinsmodell und der zugrunde gelegten AA-Portfolien fiel dieser aufgrund der sehr breiten Streuung der Anleiherenditen allerdings sehr unterschiedlich aus. Im weiteren Verlauf des Jahres 2020 mussten diese Zinsgewinne wieder abgegeben werden und der internationale Rechnungszins konnte sich bis zum 30. November allenfalls seitlich bewegen.

März 2020: Alternative Eurozone Curve

Aufgrund der in der zweiten Märzhälfte 2020 infolge der Coronakrise eingetretenen massiven Marktverwerfungen und den damit verbundenen extremen Streuungen der Anleiherenditen wurde die sog. „Alternative Eurozone Curve“ als alternatives Verfahren zur Festlegung des internationalen Rechnungszinses für Pläne in der Eurozone eingeführt. Damit konnte sehr kurzfristig auf die bis dahin nicht für möglich gehaltenen Anomalien bei den Anleiherenditen mit einem zusätzlich zum Standardmodell „RATE:Link“ angebotenen Zinsverfahren reagiert werden.

Juni 2020: Änderungen beim Datenprovider Bloomberg und „Selective Curves“

Nachdem der Datenprovider Bloomberg, auf dessen Daten auch die Zinsverfahren von Willis Towers Watson für die Auswahl der hochwertigen Unternehmensanleihen beruhen, angekündigt hatte, das bisher genutzte „BICS“ Klassifikationssystem einzustellen, wurden Änderungen am Zinsfestlegungsverfahren erforderlich. Zum 30. Juni 2020 stellte Willis Towers Watson daher auf das sowohl bezüglich der Anzahl der im Informationssystem geführten Anleihen, als auch deren Detailierungsgrad, umfassendere „BCLASS“-System um. Erstmalig über BCLASS verfügbare Informationen erlaubten es in der Folge, Änderungen an den Filtern vorzunehmen, über welche die genaue Auswahl der für die Zinsfestlegung benötigten AA-Unternehmensanleihen erfolgt. Damit konnten die Vorgaben der Richtliniengeber IASB und FASB zur Auswahl der „High Quality Corporate Bonds“, insbesondere die Abgrenzung zu Staatsanleihen und vom Risikoprofil vergleichbaren Anleihen, präziser umgesetzt werden.

In Gesprächen mit Vertretern der vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in Deutschland wurden die vorgenommenen Verfeinerungen als richtlinienkonform anerkannt.

Entlastung für US-GAAP-Bilanzen

Für das Standard RATE:Link-Verfahren werden die Anleihen mit den jeweils zehn Prozent höchsten bzw. niedrigsten Renditen als Ausreißer-Anleihen (outlier bonds) ausgeschlossen. Für US-GAAP-Bilanzierer werden ab dem 30. Juni 2020 nun auch in der Eurozone Zinsmodelle angeboten, für die neben den Anleihen mit den zehn Prozent höchsten Renditen zusätzlich auch Bonds mit den 40 bzw. 60 Prozent niedrigsten Renditen als Ausreißer ausgeschlossen wurden.

Die Zulässigkeit dieser „selektiven” RATE:Link-Verfahren nach US-GAAP ist dabei dem in der US Codification hinterlegten Abfindungsgrundsatz (settlement) geschuldet, welcher im IFRS-Regelwerk keine Entsprechung hat.

Unter den aktuellen Marktverhältnissen der Eurozone führen das „40-90“ und „60-90“ Zinsmodell von Willis Towers Watson zu einem gegenüber dem Standard „10-90“ RATE:Link-Verfahren um ca. zehn bis 20 Basispunkte höheren Rechnungszins. Hiermit bietet sich für US-GAAP-Bilanzierer ein interessanter Spielraum zur Bilanzentlastung, der IFRS-Bilanzierern leider bislang nicht zur Verfügung steht.

Fazit

Auch in den aktuellen Corona-Krisenzeiten stehen robuste und standardkonforme Verfahren zur Ermittlung des internationalen Rechnungszinses zur Verfügung. Ab diesem Jahr haben dabei insbesondere US-GAAP-Bilanzierer die Auswahl zwischen verschiedenen Zinsmodellen. Willis Towers Watson wird die Entwicklungen an den Märkten und dem Datenangebot zu hochwertigen Unternehmensanleihen auch weiterhin aufmerksam verfolgen, um zeitnah künftiges Verbesserungspotential identifizieren und umsetzen zu können.

Ihr Kontakt

Jürgen Fodor
Director Retirement, Tax/Accounting

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