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Pensionsanlagen: Renditeziel verfehlt? Governance-Modell prüfen!

Keine ALM-Studie ohne Governance-Analyse

Retirement|Investments
N/A

Von Herbert Graf | 2. September 2020

Anlagestrategien, die vorhandene Governance-Modelle ungeprüft übernehmen, springen gerade im Niedrigzinsumfeld oftmals zu kurz.

Viele Pensionsanleger haben in den letzten Jahren ihre Kapitalanlage aufgrund der Marktgegebenheiten zwar angepasst. Jedoch haben 2019 über 71 Prozent ihre Renditeziele nicht erreicht, wie die Studie „Pension Risk Management und Anlage von Pensionsvermögen 2019“ zeigt. Dies liegt daran, dass die Portfolios weiterhin von Aktien und Anleihen dominiert werden. Auf alternative sowie meist illiquide Anlagen im Private-Markets-Bereich setzen Pensionsanleger nur zu geringen Anteilen – wahrscheinlich aufgrund der hohen Governance-Anforderungen für diese Anlageklassen und aufgrund eines systematischen Fehlers bei der Erarbeitung der strategischen Asset-Allokation.

„Blinde Flecken“ bei Beschränkung auf vorhandene Governance-Ressourcen

In der Regel legen Anleger ihre Anlagestrategien im Rahmen von Asset-Liability-Studien fest, ohne dabei ihre vorhandene bzw. alternative Governance-Strukturen zu analysieren – ein Versäumnis mit erheblichen Folgen. Somit laufen sie Gefahr, Renditeträger mit hoher Governance-Erfordernis erst gar nicht in das vereinbarte Anlageuniversum aufzunehmen, wenn sie aufgrund fehlender Governance-Ressourcen oder bei Vorurteilen der Entscheidungsträger scheinbar nicht in Frage kommen. Nach Einschätzung von Willis Towers Watson ist es daher unerlässlich, die Governance-Struktur im Vorfeld einer ALM-Studie zu überprüfen und die Ergebnisse in die Studie einfließen zu lassen.

Fließen verschiedene Governance-Modelle in die ALM-Studie ein, lassen sich fundiertere strategische Anlageallokationen (SAA) und damit bessere Entscheidungshilfen für Anleger erarbeiten. Denn unterschiedliche Governance-Budgets lassen in der Praxis unterschiedlich komplexe Portfolio-Strukturen zu.

High-Governance-Modell ermöglicht schnelle Reaktion bei Marktänderungen

Erfahrungsgemäß bewegen sich viele Anleger mit ihrer Kapitalanlage in einer Mischung aus einem Low- bzw. Medium-Governance-Modell. Mit Blick auf die Portfolien sind die erwarteten Ergebnisse sehr oft stark abhängig von den erzielten Gesamtrenditen von Aktien und Anleihen (mit steigendem Einfluss von Immobilien als oft einzig illiquidem Portfoliobestandteil). In der Praxis resultieren die Governance-Modelle vieler Anleger aus den geringen Zeit- und Ressourcenbudgets bei den handelnden Personen mit Portfolioverantwortung. Entscheidend ist jedoch, wie schnell und wie oft die Verantwortlichen das Portfolio umstrukturieren – und damit auf wechselnde Marktgegebenheiten reagieren – können.

Verbesserte Zielerreichung durch komplexere Portfolios

Um Anlegern in Asset-Liability-Studien nicht nur eine quantitative Analyse zur Bestimmung ihrer langfristigen Strategie zu präsentieren, sollten im Rahmen dieser Studien auch Anlagestrategien für unterschiedliche Governance-Modelle erarbeitet und die Unterschiede im Hinblick auf die Zielerreichungsgrade herausgearbeitet werden.

Hierbei ist festzuhalten, dass komplexe Portfolien mit hohen Governance-Anforderungen aufgrund der hohen Freiheitsgrade am effizientesten abschneiden und Investoren hiermit ihre Ziele auch besser erreichen. Durch die sehr breite Streuung und Diversifizierung sind diese Portfolien nur bedingt abhängig von der Entwicklung von Aktien und Anleihen, da sie auf eine Vielzahl von Rendite- und Risikotreibern mit genauem Zuschnitt auf die Risiko-/Rendite-Anforderungen des Anlegers setzen. So werden beispielsweise Verpflichtungsrisiken dynamisch über Derivate abgesichert (teilweise gehebelt). Anders als bei termin-basierten Entscheidungen wird das Portfolio täglich überwacht und gegebenenfalls angepasst.

Niedrigzinsumfeld erfordert Stärkung der Governance

Selbst wenn die internen Prozesse und Ressourcen bei einem Anleger zunächst nicht ausreichen sollten, um ein High-Governance-Portfolio umzusetzen, ist es doch sinnvoll, die Vor- und Nachteile eines solchen Ansatzes im Rahmen der ALM-Diskussion sowie ggf. den Ausbau oder Einkauf von Governance-Ressourcen zu prüfen. Die Spannweite der Ergebnisse der unterschiedlichen Governance-Modelle kann durchaus signifikant ausfallen. Aufgrund des Niedrigzinsumfelds und der niedrigeren Renditeerwartungen in den Hauptanlageklassen lassen sich mit Anlagestrategien aus dem Bereich „Low Governance“ die festgelegten Ziele häufig nicht mehr erreichen.

Damit ist es für Pensionsanleger unerlässlich, sich im Rahmen der Ausarbeitung ihrer langfristigen Anlagestrategie auch Gedanken über die Umsetzung zu machen. Konkret ist über die vorhandene oder benötigte Ressourcenausstattung und ggf. den Aufbau interner oder externer Kapazitäten zu entscheiden. Übergeordnetes Ziel für Pensionsanleger sollte die Erfüllung der erteilten Zusage sein. Das Risiko, die definierten Ziele zu verfehlen, sollte so weit wie möglich begrenzt werden.

Nüchterne Kosten-Nutzen-Analyse

Nüchterne Kosten-Nutzen-Analyse Sollten Anleger mit einer Low-Governance-Struktur aufgrund einer möglichen Zielverfehlungswahrscheinlichkeit der aktuellen Anlagestrategie eine Auslagerung oder einen Einkauf von Ressourcen erwägen, ist im Rahmen der ALM-Studie sinnvollerweise auch das Kosten-Nutzen-Verhältnis für die drei untersuchten Governance-Modelle zu analysieren. Viele Anleger gehen davon aus, dass einfache, passive Portfolien im Vergleich zu komplexen, aktiv gemanagten Strukturen günstiger sind. Das trifft bei isolierter Betrachtung der Kostenseite zwar zu, doch die Erfahrung zeigt, dass die Unterschiede in den Portfoliogebühren oder die Kosten eines Outsourcings für die unterschiedlichen Ansätze gering erscheinen im Vergleich zu den erwarteten Anlageergebnissen und der Erreichung der Renditeziele.

Hinweise für die Praxis

Oftmals zielen ALM-Studien darauf ab, auf Basis eines vorgegebenen Risikobudgets sowie der erforderlichen Rendite (z. B. Rechnungszins) eine optimale Anlageallokation zu erarbeiten. Sollten innerhalb der untersuchten Strategien dann beispielsweise Renditeziele nicht mehr erreicht werden können, wird oft über eine Erhöhung des Risikoprofils (z. B. Erhöhung der Aktienquote) versucht, diese Ziele wieder zu erreichen. Allerdings verschieben sich somit auch die Risiken der Anlage signifikant. Stattdessen sollten sich Pensionsanleger schon zu Beginn einer ALM-Analyse mit vorhandenen und alternativen Governance-Modellen auseinandersetzen. Somit können auch Renditeträger in die Analyse einbezogen werden, die – auf den ersten Blick – nicht in das jeweilige Governance-Budget passen. Dies ermöglicht es Anlegern jedoch, ein breiteres Spektrum an Handlungsoptionen zu diskutieren und schlussendlich eine fundierte Entscheidung über die benötigte Anlagestrategie und Governance-Struktur zur Erreichung der langfristigen Ziele zu treffen.

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