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Artikel | Risk Perspectives

Therapien für ein globales Risikomanagement

Interview mit Dr. Marcus Winter, Head of Reinsurance Development, Munich Re vom Digital Risk Summit 2020

Risk & Analytics
N/A

16. Juni 2020

Was können wir mit Blick auf Covid-19 & Co. tun? Darum ging es in dem Vortrag von Dr. Marcus Winter.

Nach dem Vortrag von Dr. Marcus Winter, Head of Reinsurance Development bei Munich Re, hat Mathias Pahl, Head of Corporate Risk & Broking bei Willis Towers Watson in Deutschland und Österreich, noch einmal die wichtigsten Fragen mit ihm besprochen. Eins wurde klar: Nur mit gemeinsamen Anstrengungen können wir die Risiken von Epidemien und Pandemien begrenzen.

Mathias Pahl: Die Covid-19-Pandemie ist für viele ein „schwarzer Schwan“, also ein überraschendes, sehr unwahrscheinliches Ereignis. Haben sie recht?

Dr. Marcus Winter: Diese konkrete Pandemie konnte in der Tat niemand vorhersehen. Allerdings stieg in den letzten Jahrzehnten die Zahl globaler und lokaler Ereignisse mit prominenten Beispielen wie der Ebola-Epidemie 2014 in West-Afrika. Zwischen 2010 und 2018 verzeichnete die WHO 1.483 epidemische Ausbrüche in 174 Ländern. Wir hätten also gewarnt und besser vorbereitet sein können. Neu an Covid-19 ist, dass erstmals seit langem auch die westlichen Industrienationen signifikant betroffen sind.

Mathias Pahl: Um ein klares Bild von Epidemien und Pandemien zu gewinnen, modellieren Sie deren Verläufe und die entsprechenden wirtschaftlichen Verluste. Wie gehen Sie dabei vor?

Dr. Marcus Winter: Mit Partnern sammeln wir Daten aus einer Vielzahl an Quellen zu verschiedenen Parametern; dazu gehören etwa Fallzahlen, gesundheitliche Folgen, Übertragungswege, Ausbreitungsgeschwindigkeiten und gegebenen Behandlungsmöglichkeiten. Basierend auf diesen Daten und Szenarien für wirtschaftliche Schäden bauen wir Modelle für verschiedene Virusklassen in unterschiedlichen Regionen.

Mathias Pahl: Die Daten und Modelle können genutzt werden, um Versicherungsprodukte zu entwickeln. Worauf kommt es hier an?

Dr. Marcus Winter: Auf eine branchenspezifische Perspektive – zwei Beispiele: Hotels und Restaurants haben die Schließung auf Anordnung von Behörden im Blick. Minenbetreiber sorgen sich eher um das Risiko, dass Arbeiter den Minen fernbleiben, weil sie fürchten, sich anzustecken. Und während Hotels und Restaurants wesentliches Geschäft schlicht verlorengeht, kann in Minen der Verlust durch eine spätere gesteigerte Förderung zum Teil eventuell ausgeglichen werden. Jede Branche hat ihr eigenes Risikoprofil, deshalb braucht es spezifische Versicherungskonzepte, welche die Absicherungsziele, gedeckte Virustypen, aber auch regionale Faktoren berücksichtigen; Policen für dieselbe Branche sehen in Afrika anders aus als in Europa.

Mathias Pahl: Wird das Ganze nicht zu komplex?

Dr. Marcus Winter: Etwas einfacher sind parametrische Lösungen. Dabei werden nicht die tatsächlichen wirtschaftlichen Verluste ermittelt und ausgeglichen. Maßgeblich ist die Ausprägung einer Epidemie in einer bestimmten Region; die Regulierung erfolgt dann pauschaliert, ähnlich wie bei einem Catastrophy Bond, der zum Beispiel auf die Sturmstärke in einer Region abhebt. Um parametrische Lösungen angemessen zu strukturieren, müssen die Versicherungsnehmer allerdings umfassend beraten werden.

Mathias Pahl: Zu wirtschaftlichen Schäden hat auch die Anordnung geführt, Veranstaltungen zu streichen oder zu verschieben. Davon betroffen sind etwa Sportevents, Kulturprogramme und Konferenzen. Dafür gibt es eigentlich Ereignisausfallversicherungen. Doch sind sie bei einer Pandemie wirklich eine praktikable Lösung?

Dr. Marcus Winter: Eine Pandemie (also ein globaler Ausbruch) bedeutet zwei Probleme für die Ereignisausfallversicherung: Zum einen betrifft sie gleichzeitig weltweit viele versicherte Ereignisse, zum anderen kann eine Pandemie lange dauern. Die Versicherer können ihr Risiko also nicht streuen; es geht schnell um viel Geld. Der Bedarf an Risikokapital ist ensprechend hoch und der sich daraus ergebende Preis für die Policen ist aus Sicht potentieller Versicherungsnehmer oft zu unattraktiv.

Mathias Pahl: Immerhin laufen jetzt viele staatliche Programme, um notleidende Unternehmen finanziell zu unterstützen.

Dr. Marcus Winter: Die entsprechenden Summen sind immens, dennoch bleiben viele Unternehmen auf der Strecke. Ein Bruchteil dieses Geldes würde reichen, um einen Ausbruch in der Region, in der er stattfindet, umgehend mit gezielten medizinischen Maßnahmen einzugrenzen. Davon würden alle profitieren.

Mathias Pahl: Wie könnte dies in der Praxis aussehen?

Dr. Marcus Winter: Ein gutes Beispiel ist die Pandemic Emergency Financing Facility, kurz PEF, mit einer Kapazität von 500 Mio. US-Dollar. Dahinter stehen die Weltbank und die WHO mit öffentlichen und privaten Partnern. Die PEF finanziert die medizinische Eindämmung eines Ausbruchs, sobald eine bestimmte Zahl an Todesfällen erreicht ist, die Ausbreitungsgeschwindigkeit hoch ist und eine überregionale Ausbreitung droht. Solche Public Private Partnerships bräuchten wir deutlich mehr, um größere gesundheitliche und wirtschaftliche Schäden zu vermeiden.

Ihr Kontakt

Mathias Pahl
Head of Corporate Risk and Broking

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