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Mitarbeiter-Austausch als Win-win-Situation

Future of Work|Talent|Total Rewards
N/A

8. Juli 2020

Um die Auswirkungen der Corona-Krise abzufedern, kann ein branchenübergreifender Mitarbeiter-Austausch allen Beteiligten Vorteile bringen.

Die Geschwindigkeit und das Ausmaß der Veränderungen, die durch das Corona-Virus entstanden sind, führen zu erheblichen Nachfrageverschiebungen in allen Industriezweigen. Während der Gastronomie- und der Tourismussektor dramatische Rückgänge erlebten, stieg die Nachfrage im Gesundheitswesen, in der Logistik und in einzelnen Bereichen des Einzelhandels massiv an.

Diese Verschiebungen erfordern innovative Ideen und kooperative Konzepte beim Einsatz von Arbeitskräften. Maßnahmen wie Kurzarbeit, Entlassungen sowie die Einstellung einzelner Vollzeitbeschäftigter oder Freelancer sind oft für alle Beteiligten problematisch – sie sind für Unternehmen sowie die Regierung teuer und zeitaufwändig, während Beschäftigte dadurch teils in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

Eine sinnvolle Alternative ist dabei in vielen Fällen der branchenübergreifende Mitarbeiter-Austausch. In Deutschland haben McDonald's und die Lebensmittelketten Aldi Süd und Aldi Nord dieses kooperative Konzept in die Tat umgesetzt. Durch ein Verständnis von Arbeit, das ein Überschreiten von organisatorischen Grenzen erlaubt, lässt sich die allgemeine Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft gegenüber exogenen Schocks wie dem Coronavirus in Zukunft erhöhen.

Die Mitarbeiter beider Unternehmen gewinnen neue Erfahrungen und Fertigkeiten, die sie nach ihrer Rückkehr für ihre Arbeitgeber wertvoller machen.

Das ist die Idee des Mitarbeitertauschs:

  • Ausgewählte Mitarbeiter mit vergleichbaren Fähigkeiten aus Industrien, die sich einer geringeren Nachfrage gegenübersehen (Sender-Organisationen), für einen befristeten Zeitraum an solche, die eine gestiegene Nachfrage bedienen müssen (Empfänger-Organisationen), auszuleihen
  • Den Austausch umzusetzen und gleichzeitig friktionelle Kosten und Zeitaufwand zu minimieren, mit denen traditionelle Beschäftigungsübergänge verbunden sind (Stellenabbau/ Beurlaubung, Beantragung von Arbeitslosengeld, Bewerbung auf neue Stellen und so weiter)

Wie läuft das ab? Die Empfänger-Unternehmen (zum Beispiel im Gesundheitswesen, in einzelnen Bereichen des Einzelhandels oder in der Logistik) ermitteln die Art und die Anforderungen der benötigten Fähigkeiten und suchen danach die geeigneten Quellen für die erforderlichen Kompetenzen bei potentiellen Sender-Unternehmen (zum Beispiel einer Fluggesellschaft). Das aufnehmende und das entsendende Unternehmen legen dann die Bedingungen des Austauschs fest (Dauer, Vergütung, Leistungen und Versicherung, rechtliche Erwägungen).

Die Unternehmen erwerben Kompetenzen, zu denen sie vielleicht keinen Zugang hätten, wenn sie ihren Blick auf Mitarbeiter am eigenen Arbeitsplatz beschränkten.

Ein kritischer Erfolgsfaktor des Mitarbeitertausches ist die Vergleichbarkeit von Arbeit, sodass sich die Fähigkeiten der Arbeitskräfte übertragen lassen. Dadurch werden die Mitarbeiter, die an dem Austausch teilnehmen, in ihrer neuen Rolle schneller produktiv, wie das folgende Beispiel zeigt:

  1. Abb 1. Talente-Austausch zwischen Fluglinien und Logistik-Unternehmen

    Fluglinie

    Gepäckband-Arbeit

    • Beladen und Entladen von Gepäck und Fracht
    • Dokumentation von Prozessabwicklung
    • Umsetzung von Sicherheitsauflagen bei der Abwicklung von Kundengepäck
    • Gepäckverfolgung bei Transport zwischen Gepäckwagen, Bussen und Flugzeugen
    • Kommunizieren mit Kunden während des Lieferprozesses des Gepäcks
    • Schutz des Gepäcks vor Diebstahl, Verlust oder Schaden
Übertragbare Fähigkeiten
  • Bewältigung von physischen Anforderungen
  • Ausübung praktischer Arbeit, prozessorientiertes Denken
  • Problemlösungskompetenz
  • Detailgenauigkeitl
  • Zwischenmenschliche Kommunikation
  • Arbeiten mit hoher Aufmerksamkeit
Arbeit in der Logistik-Branche
  • Vorbereiten von Schiffsladungen
  • Bestellungsüberwachung, Produktannahme, Lieferkoordination
  • Abwickeln von Kundenretouren und Sicherstellung von Qualitätsanforderungen
  • Überprüfen und Vermeiden von Mängeln bei der Qualitätskontrolle
  • Bearbeiten von Kundenanfragen, Antworten auf Bestellungen, Rücknahmen etc.
  • Verfolgen von Aktivitäten über den gesamten Bestellvorgang hinweg, um Fristen einzuhalten und Chargen zu verbuchen

Die Vorteile eines Tauschs von Mitarbeitern können sowohl für die Organisationen als auch für Mitarbeiter von Bedeutung sein, wie die folgende Tabelle zeigt. Darüber hinaus kann ein solcher Austausch die Belastung der staatlichen sozialen Sicherheitsnetze verringern.

Abb. 2: Hauptakteure

Sender-Organisation (Angebot von Arbeitskräften)

Kurzfristiger Vorteil

  • Senkung von Personalkosten ohne negative Auswirkungen eines Personalabbaus bezüglich Zeit, Kosten und Reputation

Langfristige Vorteile

  • Fortschritt und Weiterentwicklung der Mitarbeiter
  • Reduzierte Verbindlichkeiten, Kosten und Risiken bei erhöhter Flexibilität

Empfänger-Organisation (Nachfrage nach Arbeitskräften)

Kurzfristige Vorteile:

  • Schneller Zugang zu qualifizierten Mitarbeitern
  • Flexibilität und reduzierte Kosten bei der Mitarbeiter-Akquise

Langfristige Vorteile:

  • Reputationsgewinn
  • Zukünftige Möglichkeit, durch Verfügbarkeit an Arbeitskräften unerwartete Nachfragehochs zu bedienen

Arbeitskräfte

Kurzfristige Vorteile:

  • Unmittelbarer Zugang zu Arbeit und Einkommen ohne friktionelle Kosten und Zeitaufwand eines gewöhnlichen Arbeitsplatzwechsels
  • Erhaltung angesammelter Leistungen beim bisherigen Arbeitgeber

Langfristige Vorteile:

  • Abwechslungsreichtum von Aufgaben und Lernprozessen
  • Aneignung von neuen Fähigkeiten

Ein solcher Austausch ist nicht nur in dieser Krisenzeit von Bedeutung. Als meine Kollegen und ich diese Idee vor etwa sechs Jahren ursprünglich mit einer großen europäischen Versicherungsgesellschaft konzipiert und umgesetzt haben, war die Intention eine andere. Es ging nicht darum, Ungleichgewichte bei den Kosten oder Kapazitäten zu beseitigen, sondern den Mangel an spezifischen Fähigkeiten zu beheben. In diesem Fall lieh sich die Versicherungsgesellschaft digitale Talente von einem großen Technologieunternehmen aus. Dadurch konnte der Versicherer seine digitale Präsenz und sein kundenorientiertes Modell weiterentwickeln und teilte gleichzeitig die Kompetenz im Bereich des Risikomanagements mit dem Technologieunternehmen, sodass dieses den Lebenszyklus der eigenen Produkte besser verwalten konnte. Eine Win-win-Situation: Die Mitarbeiter beider Unternehmen gewannen neue Erfahrungen und Fertigkeiten, die sie nach ihrer Rückkehr für ihre Arbeitgeber wertvoller machten – und die Unternehmen erwarben selbst Kompetenzen, zu denen sie möglicherweise keinen Zugang gehabt hätten, wenn sie ihren Blick auf Mitarbeiter am eigenen Arbeitsplatz beschränkt hätten.

Diese Krise ist eine Herausforderung für jede Facette des persönlichen und geschäftlichen Lebens. Nur durch Zusammenarbeit werden wir sie durchstehen können.

Zum Autor

Ravin Jesuthasan ist Managing Director bei Willis Towers Watson und Vordenker im Bereich Zukunft der Arbeit. Er leitete Forschungsprojekte des World Economic Forums und publiziert regelmäßig in renommierten Medien auf der ganzen Welt.

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