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Artikel | Benefits!

Pensionskassen zwischen Niedrigzins und Corona-Pandemie

Auswirkungen für Arbeitgeber

Retirement
N/A

15. Mai 2020

Niedrigzins und Corona-Krise stellen Pensionskassen vor einige Herausforderungen. Jetzt gilt es, Risiken zu evaluieren und Handlungsoptionen zu prüfen.


Pensionskassen erteilen versicherungsförmige Garantien. Für die vereinnahmten Beiträge werden Leistungen gewährt, die üblicherweise lebenslang erbracht werden. Die Beitragskalkulation sowie die Reservierung von Mitteln, um die späteren Leistungen dauerhaft erbringen zu können, basieren darauf, dass die Nettoerträge der Pensionskasse den dabei zugrunde gelegten Garantiezins dauerhaft übersteigen. Regulierte Pensionskassen können die zugesagten Leistungen dabei weniger vorsichtig als Lebensversicherungsunternehmen oder deregulierte Pensionskassen (üblicherweise die wie und oftmals auch von Lebensversicherungsunternehmen betriebenen Pensionskassen – im Allgemeinen in der Rechtsform einer AG) ausfinanzieren. Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich schwerpunktmäßig auf diese regulierten Einrichtungen, die ca. 75 % des Pensionskassenmarkts abdecken.

Hoher Garantiezins nur schwer zu erwirtschaften

Im anhaltenden Niedrigzins wird der Garantiezins zu einer immer größeren Belastung. Viele Versorgungszusagen der Pensionskassen stammen aus Zeiten als Garantien von drei bis vier Prozent üblich und angesichts der damals sicher erzielbaren Anlagerenditen absolut angemessen und erforderlich waren. Der durchschnittliche Rechnungszins aller Pensionskassen liegt nach wie vor bei knapp 2,9 Prozent. Nettoanlagerenditen von über drei Prozent lassen sich aus heutiger Sicht mit konservativen und sicherheitsorientierten Anlagekonzepten und angemessenem Risiko kaum noch erzielen. Chancenreiche Anlagekonzepte sind bei Pensionskassen aufgrund der aufsichtsrechtlichen Einschränkungen nur in gewissem Umfang zulässig und erfordern eine entsprechende Risikotragfähigkeit, die für viele Pensionskassen immer schwieriger darstellbar ist. Können die Garantiezinsen an den Kapitalmärkten aber nicht mehr verdient werden, so reichen die angesammelten Mittel langfristig nicht aus, um die zugesagten Leistungen dauerhaft – über die Restlebenserwartung aller Versorgungsberechtigten – zu erbringen. Zeichnet sich dies ab, muss der Rechnungszins abgesenkt werden. Dadurch sind signifikant höhere Deckungsrückstellungen zu bilden, was die Kassen zusätzlich erheblich belastet. Je nach Tarif und der Struktur des Versichertenkollektivs führt eine Absenkung des Rechnungszinses um 0,5 Prozentpunkte zu Erhöhungen der Deckungsrückstellungen um 7,5 bis 15,0 Prozent.

Rechnungszinsabsenkung, Nachschüsse, Leistungskürzung

Kann eine Pensionskasse die garantierte Verzinsung nicht verdienen, so entsteht – sofern keine anderen ausreichenden Gewinne aus dem Verwaltungskostenergebnis oder den Biometrie- bzw. Sterblichkeitsannahmen zur Verfügung stehen – ein Verlust, der aus den Eigenmitteln der Kasse entnommen wird. Gleiches gilt im Falle einer Rechnungszinsabsenkung, die nicht aus entsprechenden Puffern wie z. B. pauschalen Rückstellungen, Bewertungsreserven oder sonstigen Erträgen finanziert werden kann. Sinken die Eigenmittel unter die aufsichtsrechtlichen Anforderungen, so muss ein Sanierungsplan aufgestellt werden, um eine ausreichende Solvabilitätsbedeckung wiederherzustellen. Erst dann (und nur dann!), wenn sämtliche Eigenmittel der Kasse vollständig aufgebraucht werden, besteht für die Kasse mit Zustimmung der Aufsichtsbehörde als Ultima Ratio die Möglichkeit, von einer satzungsmäßigen Leistungskürzungsmöglichkeit Gebrauch zu machen und laufende Rentenzahlungen oder erworbene Anwartschaften zu kürzen. Kommt es zu einer derartigen Leistungskürzung muss der Arbeitgeber hierfür subsidiär einstehen und den Kürzungsbetrag ausgleichen – unabhängig davon, ob Leistungen vermindert werden, die unmittelbar aus den Beiträgen resultieren oder vormals zugeteilte Überschüsse zurückgenommen werden. Kann der Arbeitgeber aufgrund einer früheren Insolvenz nicht mehr subsidiär einstehen, so führt die Leistungskürzung bei der Pensionskasse zu Einbußen bei den Versicherten. Diese Lücke in der bestehenden Insolvenzsicherung von Betriebsrenten soll für die Zukunft dadurch geschlossen werden, dass gemäß einem derzeit vorliegenden Referentenentwurf des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales auch Zusagen über den Durchführungsweg Pensionskasse bei Insolvenz des Arbeitgebers über den Pensions-Sicherungs-Verein VVaG abgesichert werden sollen.

Ist es einer Pensionskasse nicht mehr möglich, die erforderliche Verzinsung zu erzielen und den Rechnungszins aus eigener Kraft abzusenken, so ist sie darauf angewiesen, dass ihr zusätzliche Mittel von ihren Träger- oder Mitgliedsunternehmen zur Verfügung gestellt werden, um die Erfüllbarkeit der laufenden Renten und erworbenen Anwartschaften sicherzustellen. Bei Pensionskassen im Finanzierungsverfahren des Bilanzausgleichs oder der Bedarfsdeckung ist vorgesehen, dass die Beiträge ggf. im erforderlichen Umfang heraufgesetzt werden. Inwieweit Träger- oder Mitgliedsunternehmen ansonsten dazu verpflichtet sind, über die eigentliche Beitragszahlung hinaus weitere Sonderzahlungen an eine Pensionskasse zu leisten, hängt von den Regularien der Kasse sowie den Beteiligungsvereinbarungen zwischen der Pensionskasse und dem Arbeitgeber ab.

In 2020 werden die Ergebnisse der Pensionskassen enorm belastet und bestehende Puffer durch die Bewertungsreserven zusammenschmelzen.

Aktuelle Kapitalmarktturbulenzen belasten zusätzlich

Neben den operativen Auswirkungen bei der Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs, die sich für viele Unternehmen und auch für Pensionskassen durch die Corona-Pandemie stellen, sind Pensionskassen durch die Turbulenzen an den Kapitalmärkten in besonderer Weise betroffen. Gerade Kassen, die angesichts geringer erzielbarerer Anlagerenditen bei den festverzinslichen Wertpapieren zuletzt auch vermehrt auf chancenreichere Anlageformen wie Aktien gesetzt haben, werden durch die weltweiten starken Rückgänge der Aktienkurse belastet. Zusätzlich führen nun möglicherweise steigende Marktzinsniveaus bei den Rentenpapieren zu einer starken Verminderung der Marktwerte dieser Anlagen.

Wie weit sich die Marktkursentwicklungen in den Bilanzen der Pensionskassen niederschlagen, ist davon abhängig, ob und in welchem Umfang die hier auftretenden Verluste durch bestehende stille Reserven in den Buchwerten kompensiert werden können und inwieweit die Marktwertverluste zu Abschreibungen in den Buchwerten führen. Es ist zu erwarten, dass die Ergebnisse der Kassen in 2020 enorm belastet werden und die bestehenden Puffer durch die Bewertungsreserven zusammenschmelzen. Bilanzielle Verluste lösen – wie zuvor bereits beschrieben – möglicherweise Nachschussverpflichtungen der Arbeitgeber aus, vermindern die Eigenmittel, so dass die Solvabilitätsanforderungen nicht mehr erfüllt werden, oder führen sogar dazu, dass die Bilanzen ohne Leistungskürzung nicht mehr geschlossen werden können.

Aufsicht in der Krise – mit Augenmaß

Vermutlich ist das wichtigste für die Pensionskassen in der jetzigen Situation der Faktor Zeit. Aufsichtsrechtliche Anforderungen dürfen Pensionskassen jetzt nicht überfordern. Sie dürfen keinesfalls begünstigen, dass die Pensionskassen die Marktwertverluste unmittelbar bilanziell realisieren müssen, weil sie wegen fehlender Risikotragfähigkeit die risikobehafteten Anlagen nun veräußern. Denn dann könnten sie möglicherweise auch nicht von einer Markterholung profitieren – die sich historisch nach den meisten Krisen zeitnah eingestellt hat. Grundsätze wie die jederzeitige Bedeckung der Solvabilitätsanforderungen sollte die Aufsicht daher aktuell großzügig auslegen. Politische Hilfestellungen sollten ermöglichen, dass die Pensionskassen nachhaltig sinnvolle Maßnahmen ergreifen können, um die derzeitige Krisensituation durchzustehen. Dazu kann die Möglichkeit zählen, an chancenreichen Kapitalanlagen trotz fehlender Risikopuffer festhalten zu können. Außerdem könnten temporäre Unterdeckungen in dieser Ausnahmesituation zugelassen werden.

Aus Sicht der Kassen gilt es nun zu analysieren, ob die Entwicklung der Kapitalmärkte in Zeiten von Corona womöglich für die Zukunft auch Chancen bietet und ob die Portfoliostruktur der Kasse optimal geeignet ist, um diese Chancen zu nutzen und gleichzeitig eine gewisse Stabilität angesichts der Volatilität der Märkte zu bieten.

Risikoprüfung bei Arbeitgebern sinnvoll

Pensionskassenzusagen werden vielfach von den Arbeitgebern als „Pay-and-Forget“-Konzept gesehen. Angesichts der anhaltenden Niedrigzinsphase und der in den Zusagen enthaltenen Garantien ist es sinnvoll, mögliche Risiken zu hinterfragen. Zusätzlich sollten Arbeitgeber verstehen, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf die finanzielle Situation der Pensionskasse hat. Risiken aus Arbeitgebersicht umfassen Fälle, in denen Pensionskassen Nachschüsse bzw. zusätzliche Sonderzahlungen von den Arbeitgebern einfordern oder aber nicht mehr die arbeitsrechtlich erforderlichen Leistungen erbringen, weil

  • Leistungen im Past Service gekürzt werden oder
  • Anwartschaftssteigerungen für künftige Beiträge geringer ausfallen, weil Verrentungsfaktoren für bestehende Versicherungen für die Zukunft angepasst werden, oder
  • Rentenanpassungsverpflichtungen für die von einer Pensionskasse gezahlten Renten nicht durch die Pensionskasse getragen werden und daher vom Arbeitgeber unmittelbar übernommen werden müssen.
  • In diesem Zusammenhang sollte auch hinterfragt werden, inwieweit ein in der Praxis oftmals zu beobachtender bilanzieller Ansatz nach Defined-Contribution-Grundsätzen nach internationaler Rechnungslegung oder die Annahme, dass künftige Rentenanpassungen von der Pensionskasse übernommen werden, noch angemessen ist.

    Bei Nachschussforderungen der Kasse stellt sich für Arbeitgeber die Frage, ob und inwieweit eine Verpflichtung zur Zahlung besteht. Es kann – auch ohne eine Verpflichtung – aus Arbeitgebersicht wirtschaftlich sinnvoll sein, durch Zahlungen an die Pensionskasse Belastungen infolge einer ansonsten möglicherweise resultierenden Leistungskürzung zu vermeiden. Solche Belastungen können durch etwaige Reputationsschäden, Entstehung oder Erhöhung von bilanziellen Rückstellungen, die unmittelbare Auszahlung von Leistungen zur Kompensation der Leistungskürzung oder durch die Administration der wegen der Leistungskürzungen entstehenden unmittelbaren Versorgungsverpflichtungen auftreten. Dass die Sonderzahlungen eines Arbeitgebers an eine Pensionskasse ausschließlich für die auf ihn entfallenden Versicherten verwendet werden, kann dabei im Allgemeinen nicht sichergestellt werden, da die Mittel dem Kollektiv der Versicherten der Kasse insgesamt zur Verfügung stehen. Somit können Quersubventionierungen zwischen Arbeitgebern nicht immer vermieden werden.

    Fazit

    Durch die anhaltende Niedrigzinsphase fehlen den Pensionskassen zunehmend die Erträge, die von den Kapitalmärkten zur Ausfinanzierung der zugesagten Leistungen benötigt werden. Gleichzeitig werden die Pensionskassen durch die Turbulenzen in Folge der weltweiten Corona-Pandemie belastet. Dadurch steigen aus Arbeitgebersicht die Risiken, dass einzelne Pensionskassen die arbeitsrechtlich notwendigen Leistungen (Past und/oder Future Service) ohne zusätzliche Unterstützung durch die Arbeitgeber nicht mehr vollumfänglich erbringen können. Arbeitgeber sollten diese Risiken analysieren und Handlungsalternativen prüfen.

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