Skip to main content
Artikel

Mehr Insolvenzen in Eigenverwaltung – was Gläubiger wissen sollten

Credit, Political Risk and Terrorism
N/A

24. April 2020

Insolvenzen werden immer häufiger in Eigenverwaltung durchgeführt. Die Corona-Krise dürfte diese Entwicklung verschärfen. Wie sich Gläubiger schützen können.


Unternehmen, die kurz vor einer Zahlungsunfähigkeit stehen oder ein hohes Insolvenzrisiko auf sich zukommen sehen, dürfen sich einem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung anvertrauen. Das Ziel der im Jahr 2012 verabschiedeten Gesetzesreform zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG) ist nicht die Abwicklung, sondern die Sanierung des Unternehmens. Das Gesetz unterscheidet zwei Verfahren:

Die Eigenverwaltung gibt einem Schuldner, der einen Insolvenzantrag gestellt hat die Möglichkeit, die Insolvenzmasse unter Aufsicht eines Sachwalters in Eigenregie zu verwalten, das Unternehmen also selbst (statt eines Insolvenzverwalters) weiterzuführen.

Das Schutzschirmverfahren eröffnet dem betroffenen Unternehmen die Möglichkeit, im Zeitraum zwischen Eröffnungsantrag und Verfahrenseröffnung ein eigenständiges Sanierungsverfahren durchzuführen. Während des Schutzschirmverfahrens drohen dem Schuldner unter Aufsicht des Sachwalters keine Vollstreckungsmaßnahmen.

Eigenverwaltung mit durchwachsenen Ergebnissen

Das Schutzschirmverfahren, welches aktuell Galeria Karstadt Kaufhof beantragt hat, kommt in der Praxis relativ selten vor. Die Insolvenz in Eigenverwaltung ist inzwischen jedoch eher die Regel als die Ausnahme. Dieses Verfahren nutzten bereits eine Reihe von namhaften Unternehmen, darunter Air Berlin, Solarworld, der Textilhändler Gerry Weber und Thomas Cook. Etwa die Hälfte der 100 größten Insolvenzen in Deutschland im vergangenen Jahr waren Verfahren in Eigenverwaltung. Diese eigne sich bei Unternehmen, „die im Kern ein gesundes Geschäft haben und bei denen man ein funktionierendes Management vorfindet, das in der Lage ist, die Geschäfte zu führen“, sagt Christoph Niering, Fachanwalt für Insolvenzrecht und seit 2011 Vorsitzender des Berufsverbands der Insolvenzverwalter Deutschlands im Handelsblatt (11/2019). Wenn singuläre Ereignisse, wie zum Beispiel der Verlust eines Großkunden, für die wirtschaftliche Schieflage verantwortlich sind, bestehen gute Chancen auf ein erfolgreiches Verfahren. Allerdings sei der Weg nicht in allen Fällen der Beste. Schwierig ist es zum Beispiel, wenn eine Eigenverwaltung vor allem angestrebt werde, damit das aktuelle Management im Fahrersitz bleibe. „Das sind oft sehr unschöne Verfahren“, so Niering. Es sind zunehmend kritische Stimmen in der Wirtschaft zu vernehmen, dass die Gesetzgebung aktiv hilft, den Schaden unternehmerischer Fehlentscheidungen auf die Allgemeinheit abzuwälzen.

In der Tat gibt es eine Reihe von finanziellen Anreizen, die den Schuldner dazu bewegen könnten, das Verfahren anzumelden. So werden Mitarbeiter für drei Monate aus dem Staatshaushalt bezahlt und unrentable langfristige Verträge, darunter Miet-, Kredit-, Arbeits- und Leasingverträge, können unter bestimmten Voraussetzungen aufgekündigt werden. Betriebsrenten müssen nur teilweise übernommen werden. Natürlich stehen auch die offenen Rechnungen der Gläubiger wie in jedem Insolvenzverfahren auf dem Prüfstand.

Eine wissenschaftliche Evaluation der ESUG-Gesetzesreform, die vor wenigen Monaten veröffentlicht wurde, zeigt durchwachsene Ergebnisse. Demnach ist die ESUG-Gesetzesreform im Kern zwar geglückt. Unternehmer, die rechtzeitig Hilfe suchen, erhalten mehr Einfluss auf den Verlauf der Insolvenz. Der Sanierungsgedanke konnte oftmals erfolgreich umgesetzt werden. Andererseits gebe es auch deutliche Mängel. Teils würde die Eigenverwaltung missbraucht, um eigene Interessen – nicht die der Gläubiger – durchzusetzen, lautet die Hauptkritik von Insolvenzverwaltern, Sanierungsexperten und Richtern. Demnach fehle es an einem verbindlichen Regelwerk für die Voraussetzungen und die Organisation der Verfahren sowie die Kriterien für die Person des Eigenverwalters und des Sachwalters. Es gehe dabei um Punkte wie einen hohen Professionalisierungsgrad, Kooperationsbereitschaft und den stetigen Informationsfluss zwischen allen Beteiligten. Grundsätzlich, darin sind sich alle Experten einig, müssten die Interessen der Gläubiger mehr im Mittelpunkt stehen. Auch problematisch ist nach Einschätzung von Christoph Niering im Handelsblatt (11/2019), dass die Unternehmen weitestgehend selbst entscheiden, ob sie in ein Verfahren der Eigenverwaltung gehen. Die Billigung des Antrages sei die Regel, eine Ablehnung sei für die Gerichte nur schwer zu begründen. „Die Prüfung der Anträge müsste schärfer sein“, fordert er.

Empfehlung: regelmäßige Prüfung der Kundenportfolien

Die intensive Werbung von Rechtsanwaltskanzleien und Unternehmensberatungen für die Anwendung von ESUG-Verfahren zur kurzfristigen Entschuldung von Unternehmen in Verbindung mit den hohen Zulassungsquoten der Insolvenzgerichte führen nach unserer Einschätzung dazu, dass zunehmend nicht insolvenzreife Unternehmen Insolvenz in Eigenverwaltung anmelden werden. Die Corona-Krise wird diese Entwicklung sicherlich beschleunigen. Das sehen wir bereits in Form von Gesetzesvorlagen, die den Unternehmen und damit der Wirtschaft Erleichterung in der aktuellen Zeit verschaffen sollen.

Auch wenn die Gefahr eines Zahlungsausfalls durch klassische Insolvenz ungleich höher ist, die Schäden einer ESUG-Insolvenz sind immens. Für den Lieferanten gibt es häufig kein Anzeichen eines Risikos. Durch die frühzeitige Stellung des Antrags auf Eigenverwaltung werden die Gläubiger nicht selten auf dem falschen Fuß erwischt. Umso wichtiger ist die regelmäßige Prüfung der Kundenportfolien sowie der Markt- und Branchenentwicklungen. Dabei sollte auch auf Gesetzesvorhaben geachtet werden, die sich für die Abnehmer negativ auswirken könnten. Bei vielen Debitorenkonstellationen ist die ausreichende Absicherung der Forderungen und Fabrikationsrisiken durch Warenkreditversicherer von großer Bedeutung. Bei der Schadensregulierung unterscheiden diese nicht zwischen ESUG-Verfahren und Regelinsolvenz. In beiden Fällen tritt mit der Eröffnung des Verfahrens – in der Regel drei Monate nach Insolvenzantrag – der Versicherungsfall ein. Im Rahmen des „Protracted Default“ kann die Entschädigung zu einem noch früheren Zeitpunkt erfolgen.

Für eine zügige und beanstandungsfreie Bearbeitung von Schadenfällen sollten den Versicherern alle notwendigen Unterlagen vorliegen. Sehr oft wissen die versicherten Unternehmen jedoch nicht, welche Unterlagen hier konkret gefordert sind. Welche Aufgaben der Versicherer eigentlich dabei übernimmt und was andererseits das Unternehmen selbst besorgen muss, ist bisweilen ebenfalls nicht bekannt.

Contact Us

Services