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COVID-19-Krise: Folgen für die bAV

Retirement
COVID 19 Coronavirus

2. April 2020

Betriebliche Altersversorgung durch aktives Krisenmanagement auf Kurs halten: Prüfpunkte und Handlungsoptionen für Unternehmen.

Die COVID-19-Krise trifft Unternehmen in Deutschland auf höchst unterschiedliche Weise. Im Vordergrund stehen derzeit noch die Auswirkungen des „Social Distancing“. Unternehmen müssen sich anders organisieren. Viel Zeit wird für Abstimmungen und den Aufbau neuer Strukturen verwendet. Doch auch die wirtschaftlichen Auswirkungen werden immer deutlicher sichtbar. Während einige Branchen eine Extra-Konjunktur erleben, verzeichnen andere bereits jetzt Auftragseinbrüche und schicken ihre Mitarbeiter in Urlaub oder Kurzarbeit. Diese Veränderungen wirken sich direkt oder indirekt auch auf die betriebliche Altersversorgung (bAV) aus. Das sind die wesentlichen Themenfelder und Handlungsmöglichkeiten.

Liquidität steuern

Das Thema Liquidität beschäftigt derzeit viele Unternehmen. Viele derzeit diskutierte Fragestellungen wie die Aussetzung von Beitragszahlungen oder Beleihung und Zugriff auf vorhandenes Planvermögen sind individuell zu prüfen und häufig nicht zielführend. Eine Erleichterung kann die Umstellung von CTA-Erstattungen für ausgezahlte bAV-Leistungen von jährlicher auf eine unterjährig quartalsweise oder monatliche Erstattung bringen. Hierzu ist die Treuhandvereinbarung zu prüfen und ggf. ein Nachtrag bzw. eine Verfahrensvereinbarung zu erstellen, zudem sind die Leistungsfähigkeit und die Kosten des Dienstleisters zu beachten. Auch für eine Änderung der Auszahlungspraxis ist eine rechtliche Prüfung nötig. Neben der eigentlichen Zusage sowie ggf. vorhandenen Auszahlungsrichtlinien sind hier auch eine etwaige betriebliche Übung oder Besitzstandsregelungen zu beachten.

Auswirkungen auf bAV-Verpflichtungen durch Kurzarbeit

Viele Unternehmen setzen derzeit Kurzarbeit ein bzw. planen Kurzarbeit einzuführen, um dem Corona-bedingten Arbeitsausfall zu begegnen. Die Kurzarbeit wurde gesetzgeberisch Mitte März nochmals deutlich vereinfacht und kann ebenfalls massiv liquiditätsschonend für Unternehmen wirken. Die Einführung von Kurzarbeit ist vielfach von Kollektivregelungen, z. B. Betriebsvereinbarungen, flankiert. In einer Vereinbarung zur Kurzarbeit sollten die Folgen von Kurzarbeit auf die bAV des jeweiligen Unternehmens zumindest in der Weise mitgeregelt werden, dass im Grundsatz klargestellt wird, ob sie eine Auswirkung auf arbeitgeberfinanzierte Versorgungssysteme haben soll oder nicht. Betroffene Unternehmen sollten in diesem Zusammenhang vor allem klären, wie sich Kurzarbeit bzw. Zuschüsse zum gesetzlichen Kurzarbeitergeld bei beitragsorientierten Zusagen auf die Beiträge zur bAV bzw. bei Leistungszusagen auf die Leistungsformel auswirken. Auch die Entgeltumwandlung sollte mitgedacht werden: Kurzarbeitergeld als solches ist kein umwandlungsfähiger Bezügeteil. Besonderer Betrachtung bedürfen Beiträge zu versicherungsgebundenen Versorgungszusagen, um unerwünschte Folgen (z. B. für den Risikoschutz) zu vermeiden.

Auswirkungen auf bAV-Verpflichtungen prüfen

Derzeit ist noch völlig unklar, wie stark die Corona-Krise die Zinsen und die Kapitalmärkte längerfristig beeinflussen wird – und sich damit auf Pensionsverpflichtungen und Planvermögen auswirkt. Umso wichtiger sind hier eine regelmäßige Marktbeobachtung und vorrausschauende Planung. Daher sollten Prognoserechnungen mit variablen Annahmensets (sogenannten Sensitivitäten) durchgeführt werden. So lassen sich die Auswirkungen von Marktbewegungen schnell auf Basis der bestehenden Berechnungen ermitteln.

  • Neben den offensichtlichen Annahmen zu Rechnungszins und Return on Assets sollten dabei auch weitere Annahmen wie Inflation, Gehaltstrends und Biometrie kritisch hinterfragt werden.
  • Sollte es auf Unternehmensseite unterjährig zu umfangreichen Veränderungen (Personalabbau oder Plankürzungen) kommen, so sind diese ggf. in den Aufwandsgrößen in der Restperiode zu berücksichtigen.

Doch auch externe Partner wie Pensionskassen, Pensionsfonds oder Rückdeckungsversicherungen sollten im Rahmen einer Risikoprüfung auf drohende Leistungsausfälle oder Nachschusspflichten überprüft werden.

bAV-Prozesse digitalisieren, Handlungsfähigkeit sicherstellen

Neben den wirtschaftlichen Auswirkungen sollten Unternehmen auch die Funktionsfähigkeit Ihrer Prozesse prüfen. Sowohl in der internen Abwicklung (z. B. Mitarbeiterberatung, Entgeltumwandlungsprozesse), als auch in der Zusammenarbeit mit externen Partnern (z. B. Datenaustausch im Rahmen der Gutachtenerstellung) kann eine weitere Dokumentation und Digitalisierung von Prozessen die Handlungsfähigkeit auch im Homeoffice oder bei Krankheitsausfall sicherstellen helfen. Viele Unternehmen beschäftigen sich in diesem Zusammenhang das erste Mal mit den Business-Continuity-Plänen ihrer Dienstleister. Sind diese stabiler als die eigene Aufstellung, so bietet sich auch eine weitergehende Auslagerung von Dienstleistungen auf externen Administrationspartner an. Ist eine langfristige Auslagerung derzeit nicht gewünscht oder umsetzbar, lassen sich auch mit Hilfe von Secondments kurzfristig Lücken in der eigenen Aufstellung schließen. Zudem können sich Unsicherheiten in der operativen Umsetzung ergeben.

Kostenkontrolle für laufende Beiträge und Betriebsrenten

Unternehmen können in der Krise mehr tun, als die Entwicklungen nur zur Kenntnis zu nehmen. Häufig bieten moderne Versorgungsregelungen Möglichkeiten für den Eingriff wie die Befristung von Beitragszahlungen oder die Aussetzung der Dynamisierung von Beiträgen. Unternehmen können auch unter Berufung auf ihre wirtschaftliche Lage die Anpassung der bereits laufenden Betriebsrenten an die Lebenshaltungskosten teilweise oder vollständig aussetzen. Unternehmen sollten dafür ihre Finanzplanung aktualisieren. Auf dieser Basis lassen sich im Rahmen einer Substanzerhaltungsanalyse die vom Bundesarbeitsgericht (BAG) vorgegebenen, objektivierbaren Kriterien daraufhin prüfen, ob deren Voraussetzungen im Unternehmen erfüllt sind.

Versorgungswerke jetzt krisenfest für die Zukunft aufstellen

In schweren wirtschaftlichen Zeiten sind ggf. sachlich-proportionale oder sogar triftige Gründe vorhanden, um Eingriffe zumindest in künftig zu erwerbende bAV-Anwartschaften (den Future-Service) zu begründen. Auch hier können Substanzerhaltungsanalysen zur Beurteilung der wirtschaftlichen Lage des Unternehmen Begründungsansätze liefern. Abfindungen und Auslagerungen der Pensionsverpflichtungen auf externe Partner müssen vor dem Hintergrund einer ggf. angespannten Liquiditätslage besprochen werden. Bisherige Dotierungspläne lassen sich ggf. zur Ausfinanzierung via CTA zeitlich strecken. Auf der anderen Seite können sich bei derzeit sehr niedrigen Rechnungszinsen ggf. Opportunitäten für die Auslagerung ergeben. Vor dem Hintergrund einer ggf. steigenden Anzahl von Insolvenzen kann sich auch eine rechtzeitige Auslagerung auf einen nichtversicherungsförmigen Pensionsfonds lohnen, um PSV-Beiträge zu sparen. Vor dem Hintergrund einer ggf. angespannten allgemeinen Liquiditätslage kann dies vor allem dann in Betracht kommen, wenn in einem Contractual Trust Arrangement (CTA) bereits ausreichend zweckgebundene und für Pensionszwecke reservierte Mittel vorhanden sind.

Workforce-Flexibilität fördern

In Zeiten schlechter Auftragslage sind regelmäßig auch Personalmaßnahmen notwendig. Hier bieten neben den klassischen Elementen von Abfindungszahlungen und Altersteilzeitprogrammen auch Zeitwertkonten und Vorruhestandsprogramme im Rahmen der bAV attraktive Möglichkeiten. Bevor Unternehmen hier zu schnell agieren, sollten allerdings die direkten und indirekten Auswirkungen dieser Maßnahmen auf Bilanz- und Aufwandsgrößen betrachtet werden.

Mitarbeiter unterstützen

Nicht nur Unternehmen, auch Mitarbeiter erleben diese Zeiten als Krise. Finanzielle und gesundheitliche Sorgen können Motivation und Produktivität beeinträchtigen, wie unterschiedliche Studien zeigen. Durch geeignete Financial-Wellbeing-Lösungen können Unternehmen ihren Mitarbeitern (im beiderseitigen Interesse) diese Sorgen abnehmen; z. B. durch geeignete Benefits-Programme. Gerade jetzt stehen daher verstärkt Themen wie Risikoleistungen, betriebliche Krankenversicherung und Financial Education im Fokus.

Auch die Kommunikation mit Mitarbeitern in der Krise ist eine besondere Herausforderung. Wie in jedem Change-Prozess sollten Unternehmen hier ihre Mitarbeiter klug begleiten. Aktuell gehaltene und leicht auffindbare Informationen zu ggf. angepassten Arbeitsprozessen, z. B. auf einer eigenen Microsite, sind unabdingbar. Aber auch kurze Informationen über die angebotenen Benefits wie z. B. vorhandene Employee-Assistance-Programme oder sachlich-ruhige Erläuterungen zu den Auswirkungen auf die bAV sorgen für Wertschätzung. So lässt sich selbst mit kleinen Maßnahmen – gezielt eingesetzt – viel erreichen.

Hinweise für die Praxis

Unternehmen, die ihre Pensionswerke bereits in der Vergangenheit „wetterfest“ aufgestellt haben, dürften nun davon profitieren. Doch auch die beschriebenen kurzfristig umsetzbaren Maßnahmen können ein vorausschauendes Krisenmanagement unterstützen.

Ihr Kontakt

Wilhelm-Friedrich Puschinski

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