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Von Linda Haas und Peter Zanella | 10. Juni 2020

Der folgende Beitrag ist ein Interview zwischen Willis Towers Watson und Michele Casartelli, Geschäftsführer der Fondazione di Previdenza EFG SA (nachfolgend Fondazione) und des Fondo Complementare di Previdenza EFG SA (nachfolgend Fondo).

Die Fondazione ist eine registrierte Vorsorgeeinrichtung im Sinne von Artikel 48 BVG und der Fondo eine Vorsorgeeinrichtung mit rein überobligatorischen Leistungen. Insgesamt werden rund 800 Aktive und über 1’000 Rentner in den beiden Vorsorgeeinrichtungen versichert. Das gesamte Anlagevermögen über beide Vorsorgeeinrichtungen betrug per Ende 2019 rund CHF 1.1 Milliarden. Michele Casartelli führt die beiden Vorsorgeeinrichtungen zusammen mit einem Team von vier ständigen Mitarbeitern (270% Stellenprozente) seit 1.1.2015. Die Vorsorgeeinrichtungen haben Ihren Sitz in Lugano, wo sich auch der Arbeitsplatz der Mitarbeiter der Fondazione befindet. Die Fondazione wurde bereits 1944 gegründet und hat damit eine lange Tradition der Erbringung von Vorsorgeleistungen für Mitarbeiter und Pensionierte.

Von den fünf angeschlossenen Arbeitgebern, die im Banken- und Treuhandsektor tätig sind, hat derzeit keiner Kurzarbeit eingeführt.

Willis Towers Watson: Herr Casartelli wir bedanken uns für Ihre Bereitschaft zu diesem Interview. Wir leben in ungewöhnlichen Zeiten, die uns alle vor neue Herausforderungen stellen. Gerade das Tessin war jedenfalls anfangs stärker als der Rest der Schweiz von der Corona-Pandemie betroffen und hat somit fast eine Vorreiterrolle bei der Bekämpfung und Eindämmung der Pandemie eingenommen. Sie und der Stiftungsrat waren somit zusätzlich und früher als andere gefordert zu handeln. Welches waren die ersten organisatorischen Anpassungen, die Sie zum Schutz der Mitarbeiter vorgenommen haben?

Herr Casartelli: Um den Betrieb aufrecht zu erhalten und gleichzeitig die Mitarbeiter zu schützen und auch ihren persönlichen Lebenssituationen Rechnung zu tragen (Kinder, Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe, Grenzgänger) haben wir auf ein differenziertes Zusammenarbeitsmodell gesetzt. Einerseits haben wir die Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten lassen, andererseits haben wir aufgrund der Notwendigkeit der Anwesenheit in den Büroräumlichkeiten für gewisse Arbeiten zwei räumlich getrennte Arbeitsplätze organisiert, an denen die Mitarbeiter bei Bedarf ohne jeglichen Kontakt zueinander arbeiten konnten. Damit konnten wir ein optimales Schutzkonzept umsetzen und jeglichen Kontakt unter den Mitarbeitern unterbinden und damit das Betriebsrisiko minimieren. Insgesamt haben wir als Vorsorgeeinrichtungen durch die starke Anbindung an die Arbeitgeber, von deren umsichtigen Umsetzung von organisatorischen Massnahmen profitiert. Als Beispiel: Beim Einlass in das Gebäude, in welchem sich die Arbeitsplätze befinden, wird bei allen Mitarbeitern die Temperatur gemessen.

Willis Towers Watson: Die vorangehend diskutierten organisatorischen Anpassungen wie auch die individuellen persönlichen Lebensumstände der Mitarbeiter stellten Sie und Ihr Team natürlich vor neue Herausforderungen. Wie würden Sie im Rückblick die Leistungsfähigkeit Ihres Teams unter diesen erschwerten Bedingungen beurteilen?

Herr Casartelli: Ich bin äusserst zufrieden mit der Teamleistung unter diesen erschwerten Bedingungen und möchte die Gelegenheit hier nutzen, meinen Mitarbeitern zu danken. Da drei der vier Mitarbeiter Teilzeit arbeiten, sind wir schon vor der Krise sehr gut koordiniert gewesen. Dies hat sich nun als Vorteil während der Krise herausgestellt.

Willis Towers Watson: Sie und ihr Team bearbeiten personenbezogene Daten, welche einen hohen Datenschutz erfordern. Können diese hohen Anforderungen an den Datenschutz auch aus dem Home-Office problemlos umgesetzt werden?

Herr Casartelli: Auch in diesem Bereich profitieren wir als Vorsorgeeinrichtungen von der Infrastruktur und den auferlegten Sicherheitsmassnahmen des Arbeitgebers. Datenschutz ist natürlich gerade im Bankensektor äusserst wichtig und wird daher prioritär behandelt. Heimarbeit und die dazu notwendige IT-Infrastruktur inklusive den notwendigen Sicherheitsmassnahmen zum Datenschutz bestanden bereits vor der Krise und wir waren damit bestens auf die Krise vorbereitet. Ich persönlich habe zum Beispiel bereits seit einem Jahr ab und an von zu Hause aus gearbeitet.

Willis Towers Watson: Gewisse Rechtsgeschäfte, welche eine Vorsorgeeinrichtung routinemässig durchführt, verlangen eine notariell beglaubigte Unterschrift oder eine Beurkundung. Zudem werden Dokumente oft auf dem postalischen Weg versandt/erhalten, wodurch die Anwesenheit von Mitarbeitern am Zustellungsort der Post und der Zugang zur Post für die Aufrechterhaltung des Betriebs notwendig ist. Wie sind Sie und Ihre Mitarbeiter mit dieser Situation umgegangen?

Herr Casartelli: Wie bereits erwähnt haben wir zwei räumlich getrennte Arbeitsplätze organisiert und sichergestellt, dass immer mindestens eine Person vor Ort war, um die Post zu bearbeiten. Dabei haben wir darauf geachtet, dass vor allem Mitarbeiter, die keiner Risikogruppe angehören oder keine Betreuungsaufgaben haben, für diese Aufgabe eingesetzt werden. Allgemein haben wir festgestellt, dass es zu weniger Rechtsgeschäften kam und die Prozesse sich etwas verlangsamten. Wir konnten die Abwicklung der anstehenden Geschäfte daher immer sicherstellen.

Willis Towers Watson: Gab es für die Vorsorgeeinrichtungen vor der Krise einen sogenannten Business Continuity Plan? Wenn nein, gedenken Sie einen solchen zu erstellen? Falls ja, werden Sie diesen aufgrund der gemachten Erfahrungen anpassen und in welchem Bereich?

Herr Casartelli: Auch hier profitieren wir als Vorsorgeeinrichtungen von den äusserst guten Strukturen und Prozessen seitens des Arbeitgebers, nach denen wir uns verbindlich richten müssen. Der Business Continuity Plan des Arbeitgebers schliesst die Vorsorgeeinrichtungen mit ein und wird jährlich getestet. Es gibt eine Dienstleistungsvereinbarung zwischen dem Arbeitgeber und den Vorsorgeeinrichtungen, in welchem die Dienstleistungen vertraglich geregelt sind. Wir sind damit sehr gut aufgestellt und aus der bisherigen Erfahrung in der Krise sehen wir keinen Anpassungsbedarf.

Willis Towers Watson: Die Krise zeigt, dass leider auch Undenkbares plötzlich Realität werden könnte. So ist es nicht undenkbar, dass gut geführte Unternehmen etwa im Bereich Luftfahrt oder Touristik Konkurs gehen könnten, wenn sie der Staat nicht unterstützt. Bei firmeneigenen Vorsorgeeinrichtungen mit eigener Verwaltung und Geschäftsführung sind viele Strukturen etwa im Informatik oder HR-Bereich mit dem Arbeitgeber verbunden und können die Vorsorgeeinrichtungen in einem Worst Case Scenario vor zusätzliche Herausforderungen stellen. Wie schätzen Sie diese Situation ein und denken Sie, dass dies zu Diskussionen im Stiftungsrat führen wird.

Herr Casartelli: Der Stiftungsrat schätzt die Solidität des Arbeitgebers als sehr hoch ein und damit das angesprochene Risiko als minim. Ich erwarte nicht, dass die aktuelle Krise diese Einschätzung gross ändern wird und erwarte somit keine Diskussionen diesbezüglich im Stiftungsrat.

Willis Towers Watson: Ab Mitte Februar zeigten sich die ersten Auswirkungen der Corona-Pandemie an den Aktienmärkten. Sie haben rasches und entschlossenes Handeln an den Tag gelegt und im Anlageausschuss/Stiftungsrat entschieden, das Rebalancing auszusetzen. Damit ist sichergestellt, dass bei fallenden Kursen nicht dazugekauft wird, womit eine übermässige Exponierung im Aktienmarkt verhindert wird. War dies im Rückblick eine sinnvolle Massnahme? Haben Sie weitere Absicherungsmassnahmen im Bereich Vermögensanlage getroffen?

Herr Casartelli: Der Anlageausschuss und auch der Stiftungsrat haben sich intensiv mit der Vermögensanlage der Vorsorgeeinrichtungen beschäftigt und wir hielten während dem Höhepunkt der Schwankungen an den Aktienmärkten häufig und intensive Sitzungen ab. Da der Anlageausschuss und der Stiftungsrat das Risiko an den Aktienmärkten als sehr hoch einschätzen, haben wir das Rebalancing ausgesetzt und bis heute (Stand Mitte Mai) nicht wiedereingesetzt. Dabei kommt uns zu Gute, dass wir im Anlagereglement weite Bandbreiten bei der Vermögensallokation definiert haben (zum Beispiel bei Aktienanlagen eine Untergrenze von 0%). Dies erlaubt uns taktisch vorzugehen. Als weitere Absicherungsmassnahme hat der Anlageausschuss und der Stiftungsrat entschieden, 50 Prozent des Aktienportfolios mit dem Kauf von Futures gegen weitere Kurseinbrüche abzusichern. Für ein abschliessendes Urteil zum Nutzen dieser Massnahmen ist es derzeit noch etwas verfrüht, aber natürlich hoffen wir mit diesen Massnahmen, die Verluste für die Vorsorgeeinrichtungen auf der Vermögensanlage zu minimieren.

Willis Towers Watson: Beide Vorsorgeeinrichtungen haben einen Rückversicherungsvertrag für die Risiken Tod und Invalidität für aktive Versicherte. Hand auf’s Herz: haben Sie die allgemeinen Geschäftsbedingungen in Bezug auf die Abdeckung in einem Pandemiefall bei der letzten Erneuerung der Verträge geprüft? Haben die Vorsorgeeinrichtungen aufgrund der Pandemie bereits Todesfälle zu verzeichnen?

Herr Casartelli: Dieser Bereich der Allgemeinen Geschäftsbedingungen war bei der letzten Erneuerung der Rückversicherungsverträge kein grosses Thema. Im Februar haben wir uns aber an unseren Rückversicherer gewandt, um die Deckung abzuklären und konnten glücklicherweise feststellen, dass wir vollumfänglich gedeckt sind und es keine Ausschlüsse oder Einschränkungen bei Pandemie gibt. Bisher haben wir aber im Aktivbestand glücklicherweise keine Todesfälle zu verzeichnen. Im Rentnerbestand hingegen verzeichnen wir gegenüber der Vorjahresperiode eine leicht erhöhte Sterblichkeit.

Willis Towers Watson: Ihre Versicherten dürften derzeit wie wir alle mit vielen neuen Fragen und Problematiken beschäftigt sein. Hatten Sie spezifische Rückfragen von Versicherten, die auf die Krise zurückzuführen sind? Falls ja, welche Anliegen oder Fragen wurden an Sie und Ihr Team herangetragen?

Herr Casartelli: Ja, wir hatten viele Anfragen von Versicherten. Vor allem die Abdeckung und Begünstigtenordnung im Todesfall standen im Fokus der Anfragen der Versicherten. Aber auch die finanzielle Situation der Vorsorgeeinrichtungen und die Anlagen gaben Anlass zu Fragen. Bisher haben wir keine Versichertenkommunikation im Zusammenhang mit der Pandemie an alle Versicherten gesandt. Wir planen aber, dies nach dem ordentlichen Versand des Geschäftsberichtes 2019, der im Mai erfolgt, zu tun.

Willis Towers Watson: Das Parlament nahm anfangs Mai seinen Betrieb, wenn auch nicht im Bundeshaus, sondern in einer grossen Messehalle, wieder auf. Im Bereich der beruflichen Vorsorge wurde die Vernehmlassung für die BVG-Reform bis Ende Mai verlängert. Die Vorlage war bereits vor der Krise umstritten und dürfte aufgrund der Krise nicht an Popularität gewonnen haben. Wie schätzen Sie die Lage diesbezüglich ein und welchen Einfluss denken Sie wird diese Krise auf die weitere Entwicklung der beruflichen Vorsorge in der Schweiz haben?

Herr Casartelli: Ich denke ein Konsens wird aufgrund der Krise noch schwieriger und die Einführung der jetzigen Vorlage dadurch gebremst. Wir brauchen neue Lösungsansätze, welche die drängenden Problematiken besser adressieren und welche die in der Vorlage enthaltene zusätzliche Komplexität und damit verbundene Kosten möglichst eliminieren bzw. minimieren sollten.

Willis Towers Watson: Herzlichen Dank für das interessante Interview, Herr Casartelli. Wir wünschen Ihnen und Ihrem Team weiterhin viel Kraft und Besonnenheit bei der Bewältigung dieser Krise!

Herr Casartelli: Sehr gerne. Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit auch bei meinen Mitarbeitern, dem Stiftungsrat und Anlageausschuss und auch dem Arbeitgeber für die exzellente Zusammenarbeit und den grossen Einsatz in dieser schwierigen Situation bedanken.

Dieses Interview wurde im Mai 2020 seitens Willis Towers Watson von Linda Haas und Peter Zanella geführt und aufgezeichnet.

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